Filmdatenbank - DVD Reviews - Filmkritiken - Filmreviews - Kinonews - Kinostarttermine
 
 








Berlinale 2003 - towards tolerance

Filmfestivals gibt es wie Sand am Meer und auf alle möglichen Arte. Groß berichtet wird jedoch auch nur über die großen Festivals. Und die Berlinale gehört wohl zweifellos zu diesen wenigen. Neben den Filmfestspielen von Cannes und der Biennale in Venedig findet für zehn Tage im Februar jedes Jahr in Berlin das wichtigste Filmfestival Europas statt.
1951 fing alles an. Die Nachkriegszeit war noch frisch, das Leben noch nicht wirklich wieder in geordneten Bahnen, Deutschland noch von schweren Wunden gekennzeichnet. Mitgrund für die Gründung der Institution Berlinale war, dass die Stadt Berlin auf die Wiederbelebung als europäische Kulturmetropole setzte, die sie vor demzweiten Weltkrieg gewesen war.

Heute, 2003, mehr als 50 Jahre danach, ist Berlin wieder Weltstadt. Und die Berlinale ist daran mit Sicherheit nicht ganz unschuldig. Jedes Jahr geben sich hier die Stars nun die Klinke in die Hand und für tausende von Besuchern wird Berlin zu einer großen Entdeckungsreise, so auch für die Redaktion von „More-Magazin“, die dieses Jahr dem ganzen Treiben hier sehr dicht beiwohnen durfte.
Selten hat man wohl die Möglichkeit ansonsten unerreichbaren Hollywoodstars so nah zu sein und man merkt auch, wer wirklich Star ist. Es ist schon etwas befremdlich wenn man am roten Teppich mit ansehen muss, wie pubertierende Mädchen fast in Ohnmacht fallen, weil Kevin Spacey an ihnen vorbei schreitet, so als wären wir wieder in den 80ern und Michael Jackson käme mal kurz vorbei. Auch erkennt man hier viel von dem, was hinter den Menschen steckt, die sich Stars nennen. Da geht Spacey rund und gibt allen Autogrammen und meckert auch nicht, wenn man ihm die Kamera fast auf die Nase drückt, sondern gibt einem noch lieb die Hand, so dass ich mich heute noch frage, ob ich mich vielleicht doch niemals wieder hätte waschen sollen. Da zeigen sich Stars wie Edward Norton und George Clooney auf den Pressekonferenz aber auch als äußerst starke Persönlichkeiten, die arroganten Pressevertretern, die ihre Filme ohne Hand und Fuss kritisieren, die Stirn zeigen und nebenbei auch grade heraus ihre persönlichen politischen Meinungen zum Irak-Konflikt herausgeben, obwohl sie doch genau wissen, dass sie dadurch in der Heimat zu Geächteten werden.
Das Motto der diesjährigen Berlinale lautet „Towards Tolerance“. Politisch korrekt und fraglos auch eine Anspielung auf die Situation in der Welt. Der heilige Krieg George W. gegen den Irak steht eh die gesamte Berlinale über im Vordergrund, was aber auch daran liegt, dass Journalisten es anscheinend lieben von amerikanischen Stars Statements zu diesem Thema zu bekommen. Um es vorwegzunehmen, zum Gewinner der Berlinale wird „In this World“, ein Semi-Dokumentarischer Spielfilm des britischen Regisseurs Michael Winterbottom, der schon immer für heikle Stoffe wie „With or Without You“, „Butterfly Kiss“ oder „Jude“ bekannt ist. Im Mittelpunkt des Films stehen zwei afghanische Flüchtlinge und ihre Reise nach London, nur damit am Ende die Feststellung bleibt, dass auch anderswo das Leben nicht besser ist.
Doch ansonsten ist die Berlinale dieses Jahr übersät mit engergierten Werken bekannter und unbekannter Regisseure. Im Wettbewerb kämpfen um die begehrten Bären neben „In this World“ auch Wolgang Beckers „Good Bye, Lenin!“, eine True Life-Tragikomödie über den Mauerfall, in dem ein junger Mann verzweifelt seiner kranken Mutter vorspielt, dass der Kommunismus weiterhin existent ist, damit sie nicht erneut einen Herzanfall bekommt und diesem erliegt. Beckers Film zeichnet sich durch fein gezeichnete Charaktere, einen liebevollen Realismus, wunderbare Schauspieler und einen trockenen Humor und pointierte Situationskomik aus. „Good Bye, Lenin!“ Bekommt am Ende den Spezialpreis „Der blaue Engel“. Zu recht.
Ein weiteres kleines Wunder ist „Confessions of a Dangerouse Mind“. Wenn Schauspieler sich als Regisseur versuchen, dann geht das meistens schief, dies musste nicht nur Jean Claude Van Damme schon lernen. George Clooney sieht das anders. Mit der ätzenden Satire liefert der Schauspieler ein grandioses Debüt ab, auch wenn man merkt, dass sein persönlicher Freund Steven Soderbergh offenbar nicht nur als Produzent, sondern auch als Mentor fungierte. Clooney erzählt die Geschichte der amerikanischen Showmaster-Legende Chuck Barris, der heute als die Person gilt, die die amerikanische TV-Landschaft in die untersten Niveaugefilde zog. Nebenbei, so sagt jedenfalls Barris heute, hat er noch als Auftragskiller für die CIA gearbeitet. Clooney selber spielt in dem Film den CIA Agenten, der Barris anheuerte und zu seinem beruflichen Ziehvater wurde. Barris selber wird von dem bisher in einigen Nebenrollen nur auffällig gewordenen Sam Rockwell verkörpert, der eine unglaublich vielseitige Performance abliefert. Rockwell den Silbernen Bären für den besten Darsteller. Auch zu recht.
Den Großen Preis der Jury erhält Spike Jonze neuer Film „Adaptation“, eine schwungvolle Tragikomödie mit Nicolas Cage nach einem Drehbuch von Charlie Kaufman, dass sich für den Hitlieferanten zum liebevollen Egotrip entwickelte. Die Geschichte: Drehbuchautor Kaufman (Cage) soll einen recht inhaltlosen Roman adaptieren – und schafft es nicht. Was folgt ist die Suche nach dem, was in ein Drehbuch rein sollte – und Kaufmans Kampf dafür, keine Hollywoodklischees zu verwenden. Am Ende weicht das Script dann von der Realität ab. Es gibt Liebe, eine Verfolgungsjagd und Tote. Hollywood pur. Dadurch wird „Adaptation“ zu einer schlauen und äußerst mutigen Metapher auf den Hollywoodfilm selber.
Das auch kleine unabhängige Filme ohne politischen Hintergrund Chancen auf der Berlinale haben zeigt der Wettbewerbs-Beitrag „Alexandra's Project“, ein radikaler australischer Ehe-Psychothriller, über einen oberflächlich liebevollen Ehemann und Vater, der abends nach Hause kommt und sich einem Terrorspiel seiner Frau ausgeliefert sieht. Erst nach und nach wird dem Protagonist wie auch dem Zuschauer bewusst, dass die psychologische Folter durchaus berechtigt ist, so hat er sie doch jahrelang ausgenutzt, belogen und betrogen – und sich selber immer als den Helden gesehen. Der Film geht leer aus, nicht jeder kann gewinnen.
Leer ausgehen tun auch meine beiden heimlichen Favoriten. „25th Hour“ von Spike Lee erzählt die Geschichte eines kleinen Drogendealers im New York des Post-September 11th, der sich auf eine lange Gefängnisstrafe vorbereiten muss. Er besucht noch einmal seine Freunde, findet den Verräter, beendet, bevor er eingekerkert wird, sein altes Leben und ist eigentlich bereits zum Haftantritt komplett resozialisiert – nur seine Strafe, der kann er nicht entgehen. Edward Norton liefert im Film wie auch auf der Pressekonferenz eine fulminante Vorstellung ab, im Film als großartiger Hauptdarsteller, vor den Augen der Welt schließlich als Mann mit Meinung.
Innerhalb des Wettbewerbes verlieren tut auch „My Life without Me“, die Geschichte des Sterbens einer jungen Frau und Mutter der Unterschicht, die in der kurzen Zeit die ihr bleibt ein letztes Mal zu leben versucht. Sarah Polley liefert wohl die bisher intensivste Vorstellung ihrer durchaus guten Karriere, der Film selber zeichnet sich durch seine offensive Anti-Kitsch-Haltung aus. Der Film geht zu Herzen, aber nicht weil er auf die Tränendrüse drückt, sondern weil er wirklich berührt. Gewürdigt wird dies zumindest durch den Preis der deutschen Filmkunsttheater.
Der letzte große Film der Berlinale, und gleichzeitig wohl der Film, auf den die meisten Besucher gewartet haben, ist „Gangs of New York“, das als Meisterwerk angekündigte Epos des Kultregisseur Martin Scorsese („Taxi Driver“, „Good Fellas“) über die Geburt New Yorks als blutige Filmmalerei, an der Scorsese zwanzig Jahre gearbeitet hat. Umso ernüchternder ist das Endresultat: der Film ist gut, aber ihm fehlt das epische, wodurch er nicht die Erwartungen erfüllt. Weder Scorsese, noch Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio lassen sich in Berlin blicken. Statt dessen erscheinen Produzent Harvey Weinstein, der auch wegen „„25th Hour“ da ist, und der Fiesling des Films, Daniel Day Lewis, der hier mit kahl geschorenem Haupt und in Holzfällerjacke vor die Presse tritt und sich von seiner netten Seite zeigt. Day Lewis liefert in dem Film auch den Glanzpunkt, den er ist der einzige, der in der Lage ist seine Figur mit Leben zu füllen. „„Gangs of New York“ läuft wie schon er nicht minder enttäuschende Eröffnungsfilm „Chicago“ im Wettbewerb außer Konkurrenz.

Eine interessante Neuerung der Berlinale ist der Talent Campus. Nachwuchsfilmemacher haben hier die Gelegenheit mit wahren Legenden der Filmproduktion zu sprechen. Bei diesem ersten Talent Campus konnte man auf Dennis Hopper, Wim Wenders, Anthony Minghella und den Dänen Thomas Vinterberg treffen. Leider fehlte uns die Zeit mal beim Talent Campus vorbei zu schauen.
Vinterberg ist aber nicht nur wegen des Talent Campus nach Berlin gekommen, so präsentiert der mit dem Dogma-Film „Das Fest“ international bekannt gewordene Regisseur hier sein neues Werk in einer Sondervorführung, obwohl der Film doch ohne Frage wettbewerbsfähig wäre. Denn „It's all about Love“ ist ein ungewöhnlich tiefsinniger Film, der bei vielen Journalisten jedoch auf Unverständnis trifft, so wie ich doch den Reaktionen um mich herum nach dem Film entnehmen konnte. Schade, die Mischung aus Thriller, Sci-Fi Drama, Liebesfilm und Lebensphilosophie mit Claire Danes, Sean Penn und Joaquin Phoenix erobert zumindest bei mir einen Spitzenplatz in den rund zwanzig Filmen, die ich mir in den zehn Tagen angesehen hab.
Weitere Highlights der Berlinale finden meistens durch das Auftreten der Stars statt. Ein völlig übermüdeter Dustin Hoffman, der, wie man am nächsten Tag der lokalen Klatschpresse entnehmen kann, einfach zuviel in den Berliner Clubs gefeiert haben soll. Oder auch das Auftauchen des ehemaligen Kinderstars Macauley Culkin, der seinen seit langer Zeit ersten Film „Party Monster“ promoten will. Der Film ist grässlich, Culkin und sein Filmpartner Seth Green sind jedoch recht amüsant. Auch auftauchen tut Oliver Stone, der mit seiner Fidel Castro-Doku „Comandante“ die Journalisten weit weniger bewegt, als man eigentlich erwartet hätte. Mit Schnauzer zeigt sich Stone eher von seiner friedlichen Seite, so dass man sich für kurze Momente schon fragt, was aus dem wohl am meisten kritisiert und mutigsten Filmemacher des Amerikas der frühen 90er geworden ist. Wir werden halt alle mal alt.

Viel zu berichten gibt es auch aus dem asiatischen Raum. „Resurrection of Little Match Girl“ zeigt, was Koreaner unter einem Action-Sci-Fi-Film verstehen. „Sympathy for Mr Vengeance“ von Park Chan-Wook, der schon mit seinem internationalen Hit „Joint Security Area“ 2001 auf der Berlinale vertreten war, zeigt uns hingegen ein grausig düsteres Gesellschaftsbild und eine deprimierende Mischung aus Sozial-Drama und Rache-Thriller, das schwer an die Nieren geht. Im Wettbewerb läuft dann auch noch der „Der Samurai in der Dämmerung“, die Geschichte eines Samurai im alten Japan, der nicht mehr kämpfen will und sich stattdessen als Farmer verdient. Wunderschöne Bilder, aber eine recht träge, wenn auch feinfühlige Geschichte sind die Merkmale dieses Beitrags, der auch leer ausgeht.
Was am Ende etwas verwundert ist, dass die Gewinnerbekanntgabe am letzten Tag durch die Jury, deren Vorsitz der bekannte kanadische Regisseur Atom Egoyan führt und zu der sich ganz international unter anderem die deutsche Schauspielerin Martina Gedeck, aber auch die Action-Regisseur Kathryn Bigelow gesellen, ganz ohne Glamour abläuft. Vor der Presse werden die Sieger kurz und knapp verlesen, ein Fotoshooting und das war es. Die Gala am Abend bringt mehr, doch da sind wir schon auf der Rückreise.

Fazit der Berlinale: Berlin ist eine Reise wert, besonders zur Berlinale-Zeit. Die ganze Stadt steht unter dem Zauber, der sich von selbst ergibt, wenn die ganze Welt ihre Augen auf einen richtet. Bewegt man sich jedoch weiter weg vom Glamour-Rummel, so muss man erkennen, dass Berlin an sich neben seinem Weltstadt-Flair auch besonders düstere Seiten hat. Doch welche Weltstadt hat das nicht, außerdem ist dies eine andere Geschichte…außerdem ist dies eine andere Geschichte…

Die Berlinale-Filme in unserer Datenbank:
In this World
Gangs of New York
Confessions of a Dangerouse Mind
Der Samurai in der Dämmerung
Good Bye, Lenin!
Die Blume des Bösen
Sein Bruder
My Life Without Me
The Hours
Alexandra's Project
Adaptation
25th Hour
Chicago
Das Leben des David Gale
Der alte Affe Angst
Lichter
Solaris
Hero
Ararat
Wilbur wants to kill himself
It's All About Love
Party Monster
Monsieur N
Wolfsburg
Moonlight Mile
Teknolust
Sympathy for Mr Vengeance
PTU
Infernal Affairs
Comandante
All the Real Girls
Die 36 Kammern der Shaolin

[srs]