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Berlinale 2007

Ein Festivalbericht von Christian Seifert

Der folgende Erlebnisbericht stellt mehr die Eindrücke rund um das Festival in den Vordergrund als mit detaillierten Filmbesprechungen aufzuwarten. Das Erlebte soll in Tagebuchform präsentiert und bewertet werden.

Donnerstag, 08.02.2007

Die Ankunft am roten Teppich des Berlinalepalastes am 10. Februar weckte altbekannte Gefühle der Vorfreude und Neugier auf die nächsten mit Filmerlebnissen voll gepackten Tage. Nach dem alljährlichen Akkreditierungsprozedere konnten am Abend bereits zwei Filme in Pressevorführungen genossen werden. Das Cinemaxx – im Übrigen mit dem wohl komfortabelsten Sitzmobiliar aller Berlinale-Säle ausgestattet - war hierfür die erste Anlaufstätte. The Tracey Fragments aus Kanada überzeugte mit innovativen Ideen und verlangte dem Zuschauer viel Konzentration ab. Parallel-Handlungen und Rückblenden zeitgleich in vielen Fenstern auf der Leinwand forderten Sehorgan und Gehirn enorm – ein sehr guter Start in das Festival!
Sakuran war der erste von zahlreichen asiatischen Filmen, die ich in Berlin sehen konnte. Schon vor dem Kinosaal standen nette Damen und machten mit hübsch gestalteten Fächern Werbung für den farbenfrohen Historienfilm, der visuell begeisterte. Dies lag unter anderem daran, dass die renommierte Fotografin Mika Ninagawa mit Sakuran ihr Regiedebüt gab.

Freitag, 09.02.2007

Nach einer kurzen Nacht führte am Morgen der erste Weg in das Hyatt-Hotel, um dort Karten für den nächsten Tag zu holen. Schön anzuschauen und außerdem funktional waren die großen Tische, die aus einer Glastischplatte und großen, bearbeiteten Holzscheiten bestanden. Dies mutete archaisch schön und gleichzeitig komisch modern an. Ärgerlich war sicherlich, dass es in diesem Jahr keine Getränkekühlschränke mehr gab, Der Service für die umher hetzenden Journalisten, sich hier quasi im Vorbeigehen mit Wasser zu versorgen, wurde ersatzlos gestrichen, was für Unmut bei allen Pressevertretern sorgte.

Ungeachtet dieser ärgerlichen Tatsache begann der filmische Tag mit einem viel versprechenden Titel. The Good German von Steven Soderbergh wartete mit vielen Stars auf. George Clooney, Cate Blanchett und Tobey Maguire weckten die Hoffnung auf einen brillant gespielten Thriller. Leider konnte der komplett in schwarz-weiß inszenierte Film diese Hoffnungen nicht erfüllen. Zu sehr klebte er an Clichés. Die Charaktere wirkten schablonenartig und die Story hatte wenig Esprit.

Wie abwechslungsreich ein Berlinale-Tag sein kann, demonstrierte der anschließende Film. Eben noch in Soderberghs schwarz-weißem Berlin des Zweiten Weltkriegs, fand man sich einige Minuten später bereits in Ich bin ein Cyborg, aber das macht nichts in einer koreanischen Psychiatrie wieder. Regisseur Park Chan-wook sorgte unter anderem mit Filmen wie J.S.A.: Joint Security Area oder seiner Revenge Trilogie bestehend aus Oldboy, Sympathy for Mr. Vengeance und Sympathy for Lady Vengeance international für Aufsehen. Sein neustes Werk überforderte viele westliche Zuschauer und sorgte für viele fragende, mitunter auch frustrierte Gesichter im Publikum. Schade, denn der Film hatte sehr viele gute Momente und konnte den aufgeschlossenen Betrachter, der nicht auf eine Fortsetzung der Revenge-Trilogie eingestellt war, durchaus überzeugen.

Den Abschluss dieses Tages bildete Love and Honour vom japanischen Regie-Altmeister Yoji Yamada, Dieser Film schließt Jamadas Samurai-Trilogie ab. Der Historienfilm passte sehr gut in den altehrwürdigen Zoo-Palast und rundete einen abwechslungsreichen – wenn auch filmisch nicht immer überzeugenden – Tag ab.


Samstag, 10.02.2007

Der Samstag begann viel versprechend, denn mit seiner zweiten Regiearbeit The Good Shepherd war Hollywood-Star Robert de Niro zu Gast. Zwar war der CIA-Thriller mit 167 Minuten sehr lang, jedoch keinesfalls langatmig oder gar langweilig. De Niro verstand es, mit seinem exzellenten Schauspielerensemble (überragend: Matt Damon als Hauptdarsteller) den Spannungsbogen perfekt zu spannen. The Good Shepherd konnte in allen Belangen überzeugen und war ein Highlight dieser Berlinale. Dies bezeugte auch der Applaus des Publikums im Berlinale-Palast.
In der anschließenden Pressekonferenz zeigte sich de Niro wortkarg und leicht genervt, was mitunter auch auf die bisweilen sinnlosen Fragen einiger Journalisten zurückzuführen war.

Im Zoo-Palast beschlossen zwei Filme aus dem „Panorama“ diesen Berlinale-Tag. 2 Days in Paris von Julie Delpy, war eine herrlich erfrischende, leichte und bisweilen frivole Komödie. Ein Pärchen, bestehend aus dem Amerikaner Jack (gespielt von Adam Goldberg) und der gebürtigen Französin Marion (gespielt von Julie Delpy) macht Urlaub in Paris, der Heimat der Frau. Dort entwickelt sich eine skurrile Geschichte um Liebe, Eifersucht, alte Liebschaften und kulturelle Differenzen. Auch Daniel Brühl spielt eine kleine Rolle in diesem sehr unterhaltsamen Film.

Dasepo Nauhty Girls von E J-yong sorgte mit einer äußerst ungewöhnlichen Story und unglaublichen Bildern für eine weitere Bereicherung des Festivals. Der auf dem gleichnamigen Manga basierende Film erzählt von der Pubertät einiger Schülerinnen in der Highschool und den damit verbundenen Besonderheiten. Dies hört sich zunächst nicht außergewöhnlich an. Die Handlung und die Inszenierung widerlegen diese Einschätzung jedoch gründlich.

Sonntag, 11.02.2007

Den Sonntag begann ich erst um 12:30 Uhr mit Goodbye Bafana. Im Nachhinein ärgerte ich mich, überhaupt in diesen Film gegangen zu sein. Das Thema des Films hatte mich in den Berlinale-Palast gelockt. Die wahre Geschichte eines weißen Rassisten, der als Wärter den inhaftierten Nelson Mandela für 20 Jahre bewachte und durch ihn seinen Rassismus ablegen und ein liberales Weltbild aufbauen konnte, klang viel versprechend. Wie leblos und klischeebeladen die Geschichte aber filmisch umgesetzt wurde, war äußerst schwach.

Letters from Iwo Jima hingegen überzeugten auf ganzer Linie. Clint Eastwood erzählte ja bereits in Flags of our Fathers die Geschichte aus amerikanischem Blickwinkel, die in Letters from Iwo Jima nun aus japanischer Sicht gezeigt wird. Beide Filme sind äußerst sehenswert und verbesserten den bis dato gewonnen Tageseindruck.

Den ersten Film in der Reihe „Forum“ schaute ich im schmucken Cubix-Kino am Alexanderplatz (im Übrigen eine wunderbare neue Location der Berlinale, die ich hiermit lobend erwähnen möchte).

Faces of a Fig Tree war ein sehenswerter, origineller japanischer Film, der viele Überraschungen bereit hielt.

Der für mich beste Film des gesamten Festivals war Getting Home von Luo Ye Gui Gen. In Getting Home wird der unterschiedliche Umgang mit dem Tod wunderbar veranschaulicht. Sämtliche Bandbreiten der Reaktionen sind vertreten. Von Fassungslosigkeit über Wut bis hin zu Verständnis ist alles vertreten. Luo Ye Gui Gen schafft es, den Tod als Tabu-Thema so liebevoll in den Mittelpunkt de Handlung zu stellen. Das Genial dabei ist, dass der Tod durch den offenen Umgang entmystifiziert wird.

Montag, 12.02.2007

Der Montag begann bereits um 09:00 Uhr im Berlinale-Palast. When a Man falls in the Forest von Ryan Eslinger war ein überragender Start in den Tag. Ein überzeugender Cast (vor allem Dylan Baker als Bill) und eine eindrucksvolle Story fesselten das Publikum, das nach der Vorführung angeregt miteinander diskutierte.

Die Zeugin von André Téchiné spielt in Frankreich im Jahr 1984. Téchiné behandelt in diesem bewegenden Film mit Emmanuelle Béart das Aufkommen von AIDS in der Gesellschaft.

In Notes on a Scandal von Richard Eyre brillieren die Schauspieler. Ein Film über Begierde, gesellschaftliche Grausamkeit und verletzte Gefühle – eindringlich gespielt und grandios inszeniert.

Der Montag brachte bis zu diesem Zeitpunkt starke Gefühle und großartige Filme.

Um etwas emotionale Distanz zu schaffen, fuhr ich zum Alexanderplatz, um im Cubix einen weiteren Film aus dem Forum-Programm zu sehen. Eye in the Sky ist ein Polizei-Film aus Hong Kong, der von Johnny To mitproduziert wurde. Stars wie Tony Leung Ka Fai machen diesen Film, der aufzeigt, wie ungenau bzw. flüchtig die Begriffe „richtig“ und „falsch“ bzw. „gut“ und „böse“ sind, sehenswert.

The Home Song Stories von Tony Ayres bildete den Abschluss dieses Tages. Ein australischer Film, der einem die Suche nach Glück näher bringt und die Erkenntnis, dass man das Glück nie oder oft erst nach einer langen Reise bzw. Suche findet. Ein beeindruckender Film, der Liebe, Verrat, Begierde, Neid und Verzweiflung, Hass und Trauer direkt verbindet.

Die Müdigkeit nach der letzten Vorstellung zwang mich schnell ins Bett. Die Gewissheit, einen guten Berlinale-Tag erlebt zu haben, ließ mich beruhigt einschlafen.

Dienstag, 13.02.2007

Wie der Tag zuvor begann der sechste Berlinale-Tag um 09:00 Uhr. Das frühe Aufstehen hatte sich aber gelohnt, denn mit El Otro zeigte ein argentinischer Film, dass gute Geschichten doch mehr zählen als Geld, Stars und Effekte. Völlig verdient gewann El Otro zwei Silberne Bären. Die faszinierende Eindringlichkeit, mit welcher der Film erzählt und gespielt wird, fesselt den Zuschauer und lässt ihn erst im Abspann wieder los.

Ein absoluter Höhepunkt der Berlinale war sicherlich Irina Palm. Die von Sam Eduard Garbarski inszenierte Komödie stellt die doppelbödige, spröde Moralvorstellung der britischen Gesellschaft beinahe obszön zur Schau und offenbart die Verlogenheit des Spießbürgertums. Eine herrlich in Szene gesetzte Marianne Faithfull und ein liebenswert schroffer Miki Manojlovic machen diesen Film äußerst sehenswert. Beifallsstürme und Standing Ovations eröffneten die anschließende Pressekonferenz, Man hatte den Eindruck, dass einige Journalisten froh waren, endlich einen leicht zugänglichen Film gesehen zu haben, der trotzdem Tiefgang hatte. Bis dato waren sie doch einige Male auf eine harte Probe gestellt worden.

Mit The Walker kündigte sich gleich im Anschluss ein Film von Paul Schrader an. Schrader, der oberflächlich immer nur als der Drehbuchautor von Scorseses Taxi Driver betitelt wird, zeigt in dieser Gesellschaftsstudie die soziale Abhängigkeit der Menschen. Isolationsfurcht, Konformismus und das Ringen um Ansehen durchziehen diesen gelungenen Film, in dem Woody Harrelson zu überzeugen weiß. Moritz Bleibtreu hat in The Walker ebenso eine Rolle wie die großartige Lauren Bacall.

El Camino de los ingleses lockte am Abend in den Zoo-Palast. Antonio Banderas´ Regiedebüt porträtierte, in den 1970er Jahren spielend, das Erwachsen werden und die damit verbundenen Verwirbelungen der Gefühle. Leidenschaft, Freiheitsdrang und gleichzeitig Ungewissheit und Selbstzweifel prägen diesen durchaus gelungenen Film.

Hal Hartleys Fay Grim lässt uns einen anderen Blick auf den Bereich der Spionage werfen. Komödiantisch erzählt und sehr gut gespielt, ist Fay Grim sehr unterhaltsam und erfreut den Zuschauer mit vielen unvorhersehbaren Situationen.

Alles in allem war der 11.02.2007 ein sehr anstrengender, aber auch sehr lohnenswerter Berlinale-Tag. Alle fünf gesehenen Filme hatten ihre Qualitäten, wenn gleich Irina Palm und El Otro herausragten.

Mittwoch, 14.02.2007

Christian Petzolds Yella ließ diesen Festivaltag noch besser weitergehen. Der beklemmende Film fesselte die Zuschauer. Besonders Nina Hoss überzeugte und gewann für ihre Leistung verdient den Silbernen Bären.

Wie sehr ein Film einen den Tag verderben kann, demonstrierte eindrucksvoll 300 von Zack Snyder. Buh-Rufe und Pfiffe begleiteten den Abspann, den fast der ganze Saal herbei gesehnt hatte. Sicher, 300 ist eine Adaption von Frank Millers gleichnamigem Comic und kein direkt auf Authentizität drängender Historienfilm. Und sicher, der Film wurde – zum Glück – außer Konkurrenz gezeigt. Aber diesen Streifen hätte man getrost aus dem Programm streichen können. Hollywood-Bombast par excellence und ein beim genaueren Betrachten äußerst fragwürdiges Weltbild (vor allem die überdeutlichen Parallelen zum gegenwärtigen Krieg gegen den Terror der USA und der damit verbundenen Achse des Bösen im Osten polarisieren und schockieren) verärgerten so sehr, dass die beiden zuvor gesehenen sehr guten Filme beinahe in den Hintergrund gedrängt wurden.

Mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch fuhr man in den Zoo-Palast, wo Sarah Polleys Away from Her diesen Ärger sofort vergessen ließ. Diese bewegende Geschichte, in der die Grausamkeit der Alzheimerschen Krankheit schonungslos gezeigt wird, war ergreifend und bewegte das Publikum zutiefst.

Anna M. von Michel Spinosa beschäftigt sich mit der neurotischen Liebe einer jungen Patientin zu ihrem Arzt, die nicht erwidert wird. Eine überzeugend spielende Isabelle Carré zeigt in diesem beklemmenden Film, wie tief sich ein Mensch in eine Obsession verstricken und das Leben anderer Menschen zerstören kann.

Insgesamt war dieser Mittwoch ein abwechslungsreicher Tag, der vor und nach dem absoluten Tiefpunkt 300 absolut sehenswerte Filme bot.

Donnerstag, 15.02.2007

Bordertown von Gregory Nava hat einen wahren Hintergrund. Mexikanische Frauen, die an der amerikanisch-mexikanischen Grenze in Fabriken arbeiten, verschwinden in Großer Zahl spurlos. Sie werden vergewaltigt und ermodert. Die örtliche Polizei investiert meist nicht viel in die Aufklärung dieser Morde, so dass die Entführungen nicht gesühnt werden und damit weiter gehen. Diese schrecklichen Tatsachen hätte man glaubhaft, offen und wirkungsvoll in einen Film umsetzen können. Leider gelang dies mit Bordertown nicht, da gute Ansätze oft in von Vorurteilen geprägte Gassen gelenkt werden.

Interview von Steve Buscemi ist ein Remake des gleichnamigen Theo van Gogh-Films. Als Kammerspiel inszeniert, lebt dieser Film von seinen beiden Hauptdarstellern Steve Buscemi und Sienna Miller, die ein Katz-und-Maus-Spiel mit überraschenden Wendungen miteinander spielen – ein sehr gelungener Film!

Spider Lillies und This filthy World waren die beiden anderen Film, die ich an diesem Tag sehen durfte.

Vor allem This filthy World war beeindruckend. Im Prinzip wird ein Stand-Up-Auftritt von John Waters gezeigt. Hört sich simpel an, ist es prinzipiell auch. Aber die Dynamik des Auftritts und die spitze Zunge Waters begeistern den Zuschauer.

Im Endeffekt ein zu Beginn schwacher, dann aber lohnenswerter Berlinale-Tag.

Freitag, 16.02.2007

Hallam Foe war der Beginn des für mich letzten Berlinale-Tages. Mit Wehmut ging ich in den Berlinale-Palast, wohl wissend, dass dies die letzte Vorstellung für mich in diesem Jahr dort sein würde. Der Film über einen verstörten Jungen, der voyeuristisch veranlagt ist, hinterließ einen bleibenden Eindruck.

Lost in Bejing beschäftigte sich mit dem rasanten Wachstum der Metropole und mit dem Zusammenleben unterschiedlicher Menschen auf engem Raum.

Im starken Film Poor Boy´s Game wird der Rassismus in Amerika zum Thema gemacht und die damit verbundenen gesellschaftlichen Zwänge beleuchtet. Ein beklemmendes Drama um Rachegefühle, dem Willen, sich seinen Fehlern zu stellen und der Sehnsucht nach Erlösung.

Der letzte Film, den ich auf der diesjährigen Berlinale sehen konnte, war Shotgun Stories. Er bildete einen beeindruckenden Abschluss und war zusammen mit Getting Home der beste Film dieser Festsspiele. Ähnlich wie im zuvor gesehenen Poor Boy´s Game stehen Rachegefühle im Mittelpunkt des Films. Eine blutige Familienfehde – Auge um Auge, Zahn um Zahn – wird mit geballter Intensität gezeigt. Shotgun Stories hat so viel Kraft, dass es einem den Atem verschlägt.

Das Ende dieser Berlinale hätte nicht stärker sein können.

Fazit:

Die 57. Berliner Filmfestspiele hatten einige überragende, viele durchschnittliche und einige schlechte Filme zu bieten. Dennoch überzeugten sie mit einem mannigfaltigen Programm, das für jeden Geschmack etwas bot. Die Highlights des Festivals waren – wie so oft – nicht die großen Produktionen aus Hollywood, sondern kleinere Filme, die aber dicht und intensiv waren. Ich freue mich bereits auf die nächste Berlinale!

[cs]