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Berlinale 2004: Interviewrunde mit Ermanno Olmi und Bud Spencer

Im Rahmen der Sektion "Berlinale Special" präsentierten der italienische Regisseur Ermanno Olmi und der Schauspieler Carlo Pedersoli, bei uns besser bekannt als Bud Spencer, ihren neuen Film "Cantando dietro I paraventi" (Singing behind the screens) auf der diesjährigen Berlinale.
Die Geschichte basiert auf einem chinesischen Opernstoff und spielt im ausgehenden 18. Jhd. Die Heldin ist eine chinesische Piratenkönigin, die die Flotte ihres Mannes kommandiert, nachdem der von rachsüchtigen Geschäftsleuten ermordet wurde. Seine Witwe setzt sein Plündern und Brandschatzen fort. Der neue Kaiser Kia-King verurteilt dieses Treiben und es kommt zu einer großen Seeschlacht, bei der die kaiserliche Flotte vernichtet wird. Der Kaiser sendet eine zweite Flotte aus, bunte Papierdrachen steigen auf, während sich beide Mächte gegenseitig belauern. Die Piratenkönigin muss diese Zeichen deuten, die Fabel vom Drachen und Fuchs, die eine geheimnisvolle Botschaft in sich birgt ... .
Bud Spencer spielt den alten Piraten Il vecchio capitano, der vor und hinter den Kulissen als Erzähler durch die Handlung führt.


Sonntag, 08. Februar 2004, Hotel Four Seasons, Berlin:

Ermanno Olmi, Bud Spencer, ich würde gerne wissen, wie sie beide sich gefunden haben, und auch wann und wie sie zum ersten mal von der Kunst und Arbeit von Ermanno Olmi und sie die von Bud Spencer erfahren haben?

Bud Spencer:
Ich wusste das Ermanno einer der wichtigsten Menschen des Kinos ist - nicht nur in Italien, und als er mich wegen dieses Projekts anrief fühlte ich mich zuerst sehr geehrt und dann hoch erfreut über die Tatsache, dass er mich für eine der Hauptrollen besetzen wollte. Was er mit mir und für mich getan hat, war mich von meinem Schauspieler-Typus zu lösen - denn ich war zuvor immer ein Schauspieler, der einen bestimmten Typus darstellte, und nun hat er einen echten Schauspieler aus mir gemacht hat.

Und das zum ersten mal?

Bud Spencer:
Ja, zum ersten mal. Das war eine sehr wichtige Sache für mich. Er benutzte mich als einen Schauspieler, selbstverständlich um seine Botschaft zu vermitteln, und auch um etwas mit mir auszutauschen. Ich wurde sein Instrument, wegen ihm, wegen seiner Arbeit war ich imstande das zu tun. Deshalb kann ich ihnen heute sagen, dass es in meinem Leben ein großer Schritt nach vorne gewesen ist diesen Film zu machen.
Ermanno Olmi:
Wie ich ihn gefunden habe? Warum ich nach ihm gesucht habe? Auf der einen Seite war es notwendig, jemanden zu finden der bekannt war, der jedoch auch die Fähigkeit hat Geschichten zu erzählen, vorallem Märchen. Ich dachte mir er wäre genau der richtige, da er eine bestimmte wichtige Gewichtung als Schauspieler hat, er ist sehr bekannt und anerkannt. Der wichtigste Grund in diesem Zusammenhang war für mich aber letztlich, das ich in ihm die Fähigkeit sah, ein Märchen auf die richtige Art und Weise zu erzählen. Ich empfinde es als sehr viel schwieriger ein Märchen zu erzählen, als etwa Shakespeare auf der Bühne darzustellen, denn man braucht viel mehr dafür. Ich erinnere mich, das meine Großmutter eine sehr gute Märchenerzählerin war, um genau zu sein die beste die ich kannte. Sie war Analphabetin, jedoch die beste im Märchen erzählen, man hörte ihr zu. Ich vergleiche ihre Märchen sehr gerne mit denen, die heutzutage erzählt werden. Wir haben hier also Bud Spencer/Carlo Pedersoli - eine Person - der ein wichtiger und erfolgreicher Schauspieler ist, aber auch dieses gewisse etwas eines Großvaters hat, eines guten Großvaters und erstklassigem Geschichtenerzählers.

Bud Spencer, sie sind jetzt 74 Jahre alt und machen immer noch einen Film nach dem anderen. Können sie sich ein Leben ohne ihre Arbeit als Schauspieler überhaupt vorstellen?

Bud Spencer:
Physisch bin ich alt geworden, aber mein Hirn ist noch in Ordnung, wie das eines 21-jährigen. Das ist mein Geheimnis.

Sie sind also so alt wie sie sich fühlen.
Ermanno Olmi, die Art wie sie Bud Spencer in ihrem Film besetzt haben, erinnert mich ein klein wenig an die Art, wie Roman Polanski Walter Matthau in seinem Film "Piraten" besetzt hat. Haben sie diesen Film gesehen?

Ermanno Olmi:
Nein, habe ich nicht. Ich muss ihnen gestehen, dass ich gar nicht die Möglichkeit habe viele Filme zu sehen. Ich lebe nicht mehr in Mailand. Diese großen Städte habe ich schon vor Jahren verlassen und wir leben jetzt in einem sehr kleinen Dorf in den Bergen. Ich gehe kaum ins Kino. Ich hoffe sie sind nicht allzu verwundert darüber, über diesen offensichtlichen Widerspruch, denn obwohl ich es liebe Kino zu machen und in gewisser Weise ein Teil davon bin, möchte ich nicht dahingehen. Ich möchte nicht Teil dieser Film- und Kinoszene sein. Das ist der Grund, warum ich noch nie in Rom gelebt habe und auch nie dort leben werde. Ich habe diese Großstädte verlassen um mich von diesen Gesellschafts- und Filmszenen fernzuhalten. Das Kino ist meine Arbeit, es wichtig für mich zu interagieren, mit anderen Menschen zusammen zukommen, für mich persönlich brauche ich aber auch eine gewisse Distanz.

Ist das auch der Grund dafür, dass sie es schon zu Beginn ihrer Karriere vorgezogen haben mit nicht-professionellen Schauspielern zusammen zuarbeiten?

Ermanno Olmi:
Das mag sie jetzt vielleicht ein weiteres mal überraschen, jedoch bin ich wohl alt genug das zu sagen: Die Kultur als ganzes - nicht nur das Kino, dass ja ein Teil der Kultur ist, sollte nicht institutionalisiert werden. Das ist sehr wichtig für mich, denn die Kultur gehört uns allen gleichermaßen und sollte immer in leichtem Widerspruch mit sich selbst stehen um produktiv zu bleiben. So ähnlich verhält es sich auch mit der Wissenschaft. Sobald man dort etwas bestimmtes bewiesen hat, wird es schnell jemanden geben, der versucht das Gegenteil zu beweisen. Deshalb sage ich ihnen folgendes: Mein wichtigstes, mein stärkstes Gefühl ist das Bedürfnis in direktem Kontakt mit dem wahren Leben zu stehen. Vieles im wahren Leben betrachte ich nur als institutionalisierte Kultur. Ich kann ihnen beispielsweise erzählen, dass ich vor diesem Film alle diese Bud Spencer/Terence Hill-Filme nicht gesehen habe, da ich eine gewisse Form von Vorurteil hatte. Ich war unter diesem Gesichtspunkt Teil dieser institutionalisierten Kultur und war versucht zu glauben, dass das nicht von besonderem Nutzen für mich sein würde, doch dann kam eine Zeit in meinem Leben - ich wurde zufälliger Weise für längere Zeit krank und hatte somit plötzlich die Möglichkeit all diese Filme zu sehen - und plötzlich wurde mir klar, dass das ein sehr einfacher und zielgerichteter Weg ist etwas zu erzählen und trotzdem gleichzeitig Freude daran zu haben. Es war sehr wichtig für mich, das zu lernen.

Nachdem sie nun diese Filme gesehen haben wird das Kino für sie nie wieder das sein, was es einmal war?

Ermanno Olmi:
Genau, das stimmt. Eine Sache möchte ich ergänzen, um dies vielleicht deutlicher zu erklären. Denken sie an Religion. Die Religionen sind eine sehr wichtige Sache mit starken Bezugspunkten, vielleicht für jedermann. Sie verschwinden nie, sie sind immer da. Religionen vermitteln wichtige Werte die aber deutlicher bei solchen Menschen präsent sind, die nicht in ein institutionalisiertes religöses Konstrukt integriert sind. Alle diese Werte, Liebe ist der erste, der wichtigste Wert, kann man überall finden, jedoch glaube ich nicht, dass man in dieser ganzen Vatikan-Institution Liebe finden kann.

Können sie etwas über den chinesischen Aspekt der Geschichte erzählen?

Ermanno Olmi:
Ich hatte nicht vor diese Geschichte "chinesisch" zu erzählen. Was ich wollte, war einen Film zu machen, der zeigt, wie sich ein westlicher Mensch wie ich - ich selbst war noch nie in China - sich diese Kultur und dieses Land vorstellt. Also suchte ich nach Drehorten die dafür in Frage kommen konnten, und es war sehr interessant, dass jeder der - von mir sogenannten - "Chinese-Italians", die an dem Film beteiligt waren begeistert meinten "Wow, das ist wundervoll, das ist wie China, das erinnert mich an China", als sie unsere Location bei Montenegro zum ersten mal sahen. So konnten wir - wohl zufällig - Drehorte finden, die etwas von der chinesischen Kultur und dem Land evozierten, ohne dass wir dieses Land kopieren mussten, was wir auch gar nicht wollten.

Nach solch imposanten Filmen wie "Der Medici-Krieger - Wahl der Waffen" und jetzt diesem, wie sieht es mit zukünftigen Projekten aus? Gibt es vielleicht auch irgendwelche gemeinsamen?

Ermanno Olmi:
Nein, wir haben im Moment keine konkreten Pläne, die wichtigste Sache um diesen Film ist, das wir sehr enge Freunde geworden sind.

Einige ihrer frühen Filme wurden kürzlich restauriert und auf DVD veröffentlicht. Glauben sie, dass sie heute noch genau so gesehen werden wie früher?

Ermanno Olmi:
Das ist eine sehr schwierige Frage. Tatsächlich leide ich etwas wenn ich alte Filme sehe, die ich vor so vielen Jahren gemacht habe. Es ist so, als schaue ich ein Bild von mir an als ich ein netter, junger 20jähriger Mann war. Ich sollte das nicht mehr machen, es ist keine gute Sache. Sobald ich etwas beendet habe, versuche ich an Zukünftiges zu denken. Das ist sehr wichtig. Die Arbeit ist vorbei, schauen wir in die Zukunft. Das ist die Art, wie ich das Leben sehe. Vieles was in der Vergangenheit passiert ist, versuche ich loszuwerden, bzw. viele der schweren Dinge betrachte ich als Notwendigkeiten für Veränderungen bzw. nutze ich für etwas Neues.

Vielen Dank für das Gespräch.

[mb]