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Berlinale 2004

Berlinale 2004 - viel Masse, wenig Klasse

Donnerstag, 5. Februar 2004

Der Eröffnungstag stand, wie schon im letzten Jahr, im Zeichen Hollywoods und des Wunsches, ein wenig Glanz und Gloria in die Hauptstadt zu bringen. Cold Mountain eröffnete die 54. Filmfestspiele in Berlin und hinterließ den geneigten Zuschauer voll des Wunsches, der Rest des Festivals, speziell der Wettbewerb, solle besser werden, als der neue Film von Anthony Minghella. Ada (Nicole Kidman), Tochter aus gutem Hause, und Inman (Jude Law), der schweigsame Sonderling des Dorfes, lernen einander kennen und lieben, müssen auch direkt wieder voneinander lassen, da der Süden aus der Union der amerikanischen Staaten austritt und dem Norden somit den Krieg erklärt. In den nächsten zwei Stunden wird in zweifelsohne wunderschönen Bildern erzählt, wie Inman nach einem grausamen Massaker an der Front desertiert und versucht, mehrere Staaten zu durchqueren, um zu seiner geliebten Ada zurückzukehren. Minghella schafft es hier leider nicht, die Qualität seiner früheren Filme wie Der talentierte Mr.Ripley oder Der englische Patient zu erreichen und bleibt leider die meiste Zeit auf der emotionalisierten Stufe, die von der versierten Nicole Kidman und Jude Law getragen wird. Bis in die letzte Reihe hat Minghella sein persönliches Fackeln im Sturm mit Stars gespickt, so sehen wir in der Oscar-nominierten Nebenrolle Renee Zellwegger, die erfrischend wirkt, ihren texanischen Akzent nicht verstecken muss und doch wieder nur Renee Zellwegger als... spielt. In weiteren skurrilen Nebenrollen sehen wir Brendan Gleeson als Renee Zellweggers umherziehenden Vater und Phillip Seymour Hoffmann als bigotten Pfarrer, der Inman einen Teil seines Wegs begleitet. Natalie Portman, Jack White von den White Stripes und Cillian Murphy runden das riesige Ensemble ab und hinterlassen zwar einen bombastischen Eindruck, der aber leider nichts mit dem Film an sich zu tun hat. Keiner der Schauspieler agiert besonders erwähnenswert, von den historischen Ungenauigkeiten oder, besser gesagt, Verdrehungen, ganz abgesehen. Leider schafften es die Hauptdarsteller nicht rechtzeitig nach Berlin, da sie bei anderen Dreharbeiten beschäftigt waren. Im Laufe der Berlinale konnte Dieter Kosslick immer wieder häppchenweise einen der Darsteller begrüßen. Einen inoffiziellen Rekord hat Cold Mountain jedoch dennoch inne: Die meisten Pressekonferenzen für einen einzigen Film (3).
Ein kurzer Tag auf der Berlinale ging zu Ende und der Akkreditierte wusste noch nicht, was alles an Erschöpfung, Skandälchen und Überraschungen auf Ihn zukommen würde.

Freitag, 6. Februar 2004

Der erste Wettbewerbstag brach an und schon war man mittendrin im Festival-Feeling. Der riesige Berlinale-Palast mit mehreren Stockwerken, der Trailer der Filmfestspiele und die Gewissheit in einem Kino zu sitzen, dass randvoll gefüllt war, mit Menschen die über Filme schreiben, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ein beängstigender Gedanke, wenn man junger Regisseur ist.

Der erste Film des Tages war Morgengrauen (Om jag vänder mig om). Die episodenhaft erzählte und an einer Stelle lose miteinander verwobene Geschichte dreier Paare, die sich jeweils an verschiedenen Stellen einer Krise in ihrem Beziehungsleben befinden, beeindruckte die Jury so sehr, dass der silberne Bär für eine herausragende künstlerische Leistung an das gesamte Schauspielerensemble des Films ging. Ein kurzweiliger Film, der immer wieder die Labilität einer Beziehung zeigte und deutlich machte, wie sehr Menschen davon abhängig sein können, ob sie geliebt werden. Erzählt wird die Geschichte des anscheinend erfolgreichen Arztes, der aber den neuen Job nicht bekommt und außerdem eine Affäre mit der Frau seines besten Freundes hat. Außerdem die des Maurers Anders, der immer wieder von seiner Familie vorgeworfen bekommt, er wäre nie zu Hause, weil er immer schwarz arbeiten muss, um der Tochter ihr geliebtes Pony zu finanzieren. Und die von Anita, einer unglücklichen Hausfrau, die verbittert geworden ist, weil ihr Mann sie drei Jahre vorher nach 25 Jahren Ehe für eine jüngere verlassen hat. Mit viel Sinn für die grotesken und menschlichen Details von Beziehung war dieser Film einer der Höhepunkte des Wettbewerbs, weil er ohne Effekthascherei und mit guten Schauspielern schafft, die kleinen Höhen und großen Tiefen der Liebe auszuloten.

Der französische Regisseur Patrice Leconte war mit seinem neuen Film Intimste Fremde (Confidences trop intimes) auf der Berlinale vertreten und zeigte, dass man mit zwei hervorragenden Darstellern und wenig mehr als einem Schauplatz ein Kammerspiel inszenieren kann, das einen bleibenden und intensiven Eindruck bei einem wenig verwöhnten Wettbewerbspublikum hinterlassen kann. Sandrine Bonnaire spielt Anna, die offenbar enttäuschte und vernachlässigte Ehefrau, die ihre Probleme einem Psychologen erzählen will. Dabei irrt sie sich jedoch augenscheinlich in der Tür und vertraut all ihre Geheimnissen einem Finanzberater an. William Faber (Fabrice Luchini) merkt natürlich schnell, dass er nicht der Adressat ihrer Geheimnisse ist, geniesst es aber und hat es nicht eilig, den Irrtum aufzuklären. Ein kleines Budget, fabelhafte Schauspieler und ein gutes Drehbuch, das seine Grenzen kennt, zeichnen dieses wundervollen Film aus, der bei den Kritikern als einer der Besten des Wettbewerbs galt.

Die letzte Pressvorführung des Tages und sämtliche Blitzlichter waren dann wieder auf Hollywood gerichtet, als Nancy Meyers (Was Frauen wollen) ihren außerhalb des Wettbewerbs laufenden Was das Herz begehrt (Something´s Gotta give) präsentierte. Jack Nicholson, Diane Keaton, Amanda Peet, Hans Zimmer und Kamera-Altmeister Michael Ballhaus gaben sich die Ehre und präsentierten die Geschichte des alternden Gigolos Harry Sanborn (Nicholson), der sich im Laufe des Films seines Alters und seiner Sterblichkeit bewusst wird und endlich mit Erica (Keaton) die große Liebe erlebt. Eine solide Komödie, die in dieser Art vor einigen Jahren mit Besser geht’s nicht schon weitaus besser abgeliefert wurde. Man bekommt, was man erwartet, wenn man ein Ticket für Was das Herz begehrt kauft, denn Nicholson ist immer gut und kann einen Film ganz alleine durch seine Präsenz und sein Timing tragen. Das muss er hier auch, denn Diane Keaton hat anscheinend nicht ihren besten Tag erwischt, Keanu Reeves ist einfach nur schön (was er gerüchteweise nach der dunklen Matrix-Trilogie auch haben wollte) und Amanda Peet geht neben diesen Größen leider einfach nur unter.

So langsam machte sich dann die Müdigkeit breit und die Angst, der Wettbewerb könne ohne Höhepunkte vor sich hinplätschern.

Samstag, 7. Februar 2004

Filme über neuere Kriege sind immer ein schwieriges Unterfangen. Der Vietnamkrieg wurde zwar in einigen genialen und legendären Filmen aufgearbeitet, jedoch kann dieses Thema unter dem falschen Regisseur, mit einem falschen Drehbuch und schlechten Schauspielern immer leicht auf seinen Schauwert reduziert werden und so seinen ernsten Charakter aufgrund einer ungewollten Karikierung einbüßen. Ein neuerer Fall für dieses Bespiel ist der Balkankrieg der 90er Jahre in Jugoslawien. Vinko Bresan zeigte mit Die Zeugen (Svjedoci), wie man einen ehrlichen, gradlinigen und dennoch sensible Film über dieses Thema abliefern kann. Aus verschiedenen Perspektiven wird die Geschichte eines Verbrechens erzählt. Ein serbischer Kaufmann, der in einem kroatischen Dorf wohnt, wird nachts ermordet. In den darauffolgenden 80 Minuten sehen wir die Geschichte aus vielen verschiedenen Blickwinkeln und Perspektiven, die die Aussichtslosigkeit und die Verfahrenheit der Situation deutlich macht. Zu keiner Zeit wird Bresan parteiisch, sondern zeigt auch die Zerrissenheit der verschiedenen ethnischen Gruppen untereinander, die sich immer weiter in die psychische Hölle hineinmanövrieren, und nicht bereit und fähig, sich zu befreien.

Ein weiteres Star-Vehikel kam dann an diesem Nachmittag nach Berlin. Ron Howard (Apollo 13, A Beautiful Mind) präsentierte sein Western-Abenteuerdrama The Missing mit Cate Blanchett und Tommy Lee Jones.
Maggie Gilkeson lebt mit ihren zwei Töchtern auf einer kleinen Farm in einem abgelegenen Teil von New Mexico. Das Leben plätschert vor sich hin, bis sich die Ereignisse eines Tages überschlagen. Nachdem er vor zwanzig Jahren die Familie verlassen hatte, um mit Indianern zu leben, taucht nun plötzlich Maggies Vater (Tommy Lee Jones) auf. Zu allem Überfluss wird ihre älteste Tochter gekidnappt, um in Mexiko als Prostituierte verkauft zu werden und ihr Partner Brake wird bei dem Versuch sie zu retten ermordet. Da sie von der Regierung und deren Truppen keine Unterstützung erwarten kann, wendet sie sich an ihren Vater, der ein genialer Spurenleser ist, und macht sich mit ihm auf die Jagd nach den Kidnappern. Cate Blanchett beweist wieder einmal ihre hohe Leinwandpräsenz und ihr Geschick, auch nicht allzu fein ausgearbeiteten Rollen eine Tiefe zu verleihen, das den ganzen Film vor einer Katastrophe rettet. Tommy Lee Jones spielt routiniert das schweigsame und wettergegerbte Narbengesicht und ist ebenfalls nicht schuld, dass der Film allenfalls Mittelmaß ist.

Mit einem skeptischen Gefühl blickte man den weiteren Wettbewerbstagen entgegen und wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht über die wunderbaren Filme, die noch folgen sollten, die Überraschungen aus Panorama und Forum und die etwaige Eklats auf Pressekonferenzen.



Sonntag, 8. Februar 2004

Einer der großen Publikumsfavoriten ging am Sonntag zum ersten Mal ins Rennen. Hans Petter Molands Beautiful Country erzählt die Geschichte eines jungen Vietnamesen, der von der vietnamesischen Gesellschaft verstoßen wird, da er einen amerikanischen GI als Vater hat. Als er im Haus seiner Tante, die ihn aufgezogen hat, nicht mehr beliebn kann, macht er sich auf die Suche nach seiner Mutter und später auf die beschwerliche Überfahrt nach Amerika, um seinen Vater zu finden. Wunderbare und gleichzeitig schwermütige Bilder charakterisieren diesen Film, der sich dem Vietnamkonflikt aus der Perspektive der zweiten Generation nähert. Leicht hätte die Suche von Bin (Damien Nguyen) eine klischeebeladene Kitsch-Geschichte werden können. Das Ensemble, allen voran ein wunderbar agierender Damien Nguyen, Tim Roth als melancholisch-brutaler Kapitän des Flüchtlingsfrachters und Nick Nolte als erblindeter Vietnam-Veteran, machte diesen Film zu einem der ersten großen Favoriten auf einen Bären. Die Pressekonferenz im Anschluss an den Film wurde eine Siegesfahrt für die anwesenden Schauspieler, Produzenten und den Regisseur, die allesamt überwältig von der Reaktion des Publikums waren. Hans Petter Moland konnte sich seine Tränen nicht verkneifen, als ihm immer und immer wieder Komplimente für diesen fantastischen Film ausgesprochen wurden. Dass Beautiful Country am Ende keinen Bären gewann bleibt unverständlich.

Annette K. Olesen, die vor zwei Jahren bereits mit ihrem Film Kleine Missgeschicke auf der Berlinale vertreten war, reichte In deinen Händen (Forbrydelser) in den Wettbewerb ein. Die Geschichte der jungen Theologin Anna, die ihren neuen Job als Priesterin in einem Frauengefängnis antritt und sich im Laufe des Films immer mehr mit den Insassinnen anfreundet, sollte laut Aussage des Autors ein ausgesprochenes feel bad movie werden. Eine neue Inhaftierte, Kate soll übernatürliche Kräfte besitzen und Marion von ihrer Drogensucht durch Handauflegen befreit haben. Nachdem Anna von ihrem Freund schwanger wird, scheint ihr Glück perfekt. Bei einer Routineuntersuchung stellt sich dann heraus, dass ihr Kind behindert zur Welt kommen wird. Verzeifelt wendet sie sich an Kate, die ihr helfen soll.
Persönliche Ab- oder Zuneigungen gegenüber der Dogma-Schule beiseite gelassen, muss man klar und deutlich sagen, dass Annette K. Olesen mit diesem Film einen der unbequemsten des ganzen Jahres geschaffen hat, der einem sehr lange in Erinnerung bleiben wird. Sein eigenes Verhältnis zum Thema Schuld wird gnadenlos auf eine Probe gestellt und das Ende des Films lässt einen mit einem schlechten Gefühl im Bauch und sehr deprimiert im Kinosessel zurück.

Der mit Spannung erwartete Monster von Patty Jenkins schlug am Sonntag wie erwartet ein und ließ große Diskussionen unter den Journalisten ausbrechen über die zugegebenermaßen großartige schauspielerische Leistung von Charlize Theron. Diese hat für den Film 15 kg zugenommen und geht komplett in der Rolle der einfach gestrickten Aileen Wuornos auf, die in den 90er Jahren als Prostituierte sechs Freier umbrachte und als erste Serienmörderin in die Geschichte der USA einging. Auf der einen Seite wird die Geschichte der Aileen Wuornos gezeigt, die sich in ihrer simplen Art ihr eigenes Weltbild strickt und vor sich selber die Morde an ihren Freiern rechtfertigen kann. Die andere Seite des Films bildet die aufkeimende und wunderbar gespielte Liebesgeschichte zwischen Aileen und der jungen Selby Wall (Christina Ricci), die in Aileen ihre Befreierin aus den Zwängen ihrer repressiven Familie sieht.
Ein einfühlsames Portait zweier Frauen, die nicht in die Konventionen ihrer Umgebung passen und somit in die Ecke der Gesellschaft gestellt werden, dass hin und wieder unter seiner Einfallslosigkeit und der Tendenz zur Redundanz leidet, aber nichtsdestotrotz ein beeindruckendes Spielfilmdebüt mit einer beeindruckenden Hauptdarstellerin ist, die nach dem Film wieder in alter Schönheit auf der Pressekonferenz auftauchte und sich gegen den Vorwurf zur Wehr setzen musste, das man automatisch in die Reichweite eines Oscars kommt, wenn man Mut zur Hässlichkeit beweist.

Ein Tag, der im Wettbewerb viel Dramatik, gute Ideen und brillante Schauspieler hatte und wieder Mut machte, dass die nächsten genauso gut sein mögen.

Montag, 9. Februar 2004

Der spätere Hauptgewinner der Berlinale 2004 (Goldener Bär Bester Film und Silberner Bär Bester Hauptdarsteller) ging am Montag ins Rennen. Lost Embrace (El Abrazo Partido) erzählt die Geschichte von Ariel (Daniel Hendler), einem jungen Mann, der sein unauffälliges Leben als Aushilfe im Dessous-Laden seiner Mutter in einem Einkaufszentrum in Buenos Aires fristet. Er führt als Erzähler durch den Mikrokosmos des Einkaufszentrums und wir erfahren, dass er so schnell wie möglich die polnische Staatsangehörigkeit annehmen will, um ein neues Leben in Europa zu beginnen. Als Schatten über allem thront der Vater, der sich vor Jahren nach Israel abgesetzt hat und die Familie im Stich ließ. Eine wunderbar warmherzige Tragikomödie, die immer wieder melancholische Momente hat und alles in allem ein wundervoller Film über die Selbstfindung des Protagonisten ist.

Wer bis dahin gelangweilt war, der wurde nun unsanft aus seinen sanften Träumen gerissen. Primo Amore erzählt die Geschichte von Sonia (Michela Cescon) und Vittorio (Vitaliano Trevisan). Man lernt sich im Internet kennen und verabredet sich auf ein Blind-Date. Trotz eines frostigen und eher unbeholfenen Starts fühlt sich Sonia von Vittorio angezogen. Was sie nicht weiss, ist, dass er sich in psychiatrischer Behandlung befindet, weil er krankhaft auf der Suche nach der perfekten Frau ist. Bis jetzt seien ihm nur der perfekte Körper oder der perfekte Geist begegnet, aber noch keine Kombination. Auf Anraten seines Therapeuten lässt er eine Beziehung zu Sonia zu. Jedoch beginnt er, sie nach seinen Vorstellungen zu formen und treibt sie mit seinen pathologischen Vorstellungen in die Magersucht, bis es am Ende zu einem tragischen und dramatischen Ende kommt. Eine Film, der das Publikum und die Kritiker spaltete und einen bleibenden Eindruck hinterließ. Die starke visuelle Arbeit des Kameramanns Marco Onarato ist eines der vielen zu erwähnenden Details das den Wahn Vitorios immer wieder gekonnt und albtraumhaft in Szene setzt, ohne dabei plakativ zu wirken.
Ein Silberner Bär für die Beste Filmmusik ging am Ende der Berlinale an Primo Amore, der jeden ans Herz gelegt sei, der ernsthafte und provokative Filme zu schätzen weiss.

Nach Argentinien und Italien ging es im letzten Wettbewerbsbeitrag des Tages nun auch noch nach Spanien.

La vida que te espera (Your next life) spielt in einem kleinen abgelegenen Dorf in den Bergen Kalabriens. Gildo (Juan Diego) lebt mit seinen beiden Töchtern Val (Marta Etura) und Genia (Clara Lago) als Bauern wie vor hundert Jahren. Die Spannungen zwischen Vater und Töchtern eskaliert, als eines Tages ein Nachbarschaftsstreit eskaliert und Severo, der Nachbar, ums Leben kommt. Sein Sohn Rai (Luis Tosar) kommt in die Gegend, um den Nachlass zu verwalten und die Besitztümer seines Vaters, zu dem er kein gutes Verhältnis hatte, zu verkaufen. Val und Rai kommen sich in einer Disco näher und verlieben sich ineinander. Ein Reigen an Verwirrungen und Wendungen nimmt seinen Lauf, was den Film leider auch nicht vor seinen Längen rettet. Gute Schauspieler bewahren den Film jedoch davor, ins Bauerntheater abzudriften.

Dienstag, 10. Februar 2004

So langsam beginnt die eigene Fitness die Qualität der Filme zu beurteilen und wenn ein Film nicht nach 15 Minuten überzeugt hat, dann schaltet der ein oder andere im Berlinale Palast schon in den Schlaf-Modus...

Asiatische Zurückhaltung war angesagt, als Kim Ki-Duk seinen Film Samaritan Girl (Samaria) präsentierte und später den silbernen Bären für die beste Regie gewann. Zwei junge, vom normalen Leben gelangweilte Mädchen, gehen zusammen der Prostitution nach. Die eine aktiv und mit augenscheinlicher Freude, die andere gibt die Managerin, die auch schon mal aufdringliche Kunden verjagt und ihre Freundin vor Polizei-Razzien warnt. Zusammen sparen sie auf eine Reise nach Europa. Eines Tages kommt es jedoch wie es kommen muss und die Polizei ist schneller als das Vorwarnsystem. Die junge Prostituierte weiss sich nur noch mit einem verzweifelten Sprung aus dem Fenster zu helfen und stirbt kurz darauf in einem Krankenhaus. Ihre Freundin sagt daraufhin ihrer Beschäftigung ab und will in einer letzten Aktion mit allen Freiern schlafen, die Kunden bei ihrer Freundin waren und ihnen das Geld von damals zurückgeben. Dabei hat sie jedoch die Rechnung ohne ihren Vater gemacht, der selbst Polizist ist und auf einen verbitterten Rachefeldzug geht, in dessen Verlauf einige Freier sterben werden.
Kim Ki-Duk schafft es mit seiner ruhigen Erzählweise, dem Film einen poetischen Nachklang zu verleihen, bei dem die Schauspieler manches mal Mühe haben, mitzuhalten. Die ewig kichernden Mädchen und der versteinerte Vater rutschen zu sehr in Klischees, als das man das ohnehin nicht allzu originelle Drehbuch noch ernst nehmen könnte. Vieles geht in der Hyperaktivität der jungen Darstellerinnen verloren, woran auch die schöne Kamera-Arbeit nichts ändern kann.

George Simeon war schon immer einer der großen Ideenlieferanten des französischen Kinos, wenn man zum Beispiel an die unzähligen Kommissar Maigret-Verfilmungen denkt, die ihren Weg gefunden haben. Cedric Kahn kam nun mit seinem Film Schlusslichter (Feux Rouges) nach Berlin, der auf einer Vorlage von George Simeon beruht. Antoine und Hélène wollen zusammen dem stickigen Pariser Sommer entfliehen und mit ihren Kindern, die sie noch abholen müssen, in den Urlaub fahren. Auf dem Weg kommt es zu mehreren Streitigkeiten zwischen den Eheleuten. Er fühlt sich von ihr nicht respektiert und seiner Freiheiten beraubt, sie vermisst die einstige Nähe. An einer Raststätte kommt es zum Eklat und als Antoine von seinem üblichen Whiskey double wieder zum Auto kommt, ist seine Frau verschwunden. Nach einigen Ermittlungen und einer ereignisreichen Nacht für ihn selber, in dessen Verlauf er einen gefährlichen Verbrecher als Anhalter mitnimmt, spürt er seine Frau in einem Krankenhaus auf. Allzu salopp geht Cedric Kahn über Ereignisse hinweg, die für die Figuren und deren Psychogramm zu wichtig erscheinen. Zuviel passiert, als dass die Charaktere am Ende unbeschwert weiter leben könnten. Ein zwiespältiger Film, der in vielen Punkten zu überzeugen weiss, aber oft an seiner eigenen Problemauswahl scheitert und sich am Ende psychologisch selber überlistet und den Zuschauer verwirrt zurücklässt.

Der Abschluss des Tages machte der heiß ersehnte Nachfolger von Before Sunrise: Before Sunset von Richard Linklater mit der altbekannten Besetzung Ethan Hawke und Julie Delpy. Hohe Erwartungen paarten sich mit der Angst einen faden Abklatsch des ersten Films zu sehen, wie es ja so oft bei Fortsetzungen der Fall ist. Doch alle Ängste wurden schnell bei Seite gewischt. Jesse und Céline sehen sich nach fast 10 Jahren wieder bei seiner Buchpräsentation in Paris. Sofort ist die alte Sympathie da und sie verbringen den Nachmittag gemeinsam, bevor am Abend seine Maschine wieder zurückfliegen soll. War der erste Film ein Fest der naiven Euphorie über die Liebe in jungen Jahren, ein romantischer Film über die Erwartungen die man an sie stellt, so ist Before Sunset das Erwachen. Eine rationale Auseinandersetzung mit den zerbrochenen Träumen und der nichterfüllten Vorstellung der großen wahren Liebe. Er kommt völlig ohne Nebendarsteller aus und konzentriert sich nur auf die fabulös agierenden Protagonisten, die ihre Dialoge auch selbst geschrieben haben. Ein frischer Film, der nichts zu viel sagt, der alles prägnant auf den Punkt bringt, der auch keine Angst hat nach 80 Minuten aufzuhören, und den Zuschauer wieder mit der Ungewissheit allein zu lassen, was aus Céline und Jesse wird. Also 2013 Teil 3.

Mittwoch, 11. Februar 2004

An diesem Mittwoch, an dem die Kräfte der schreibenden Akkreditierten langsam aber sicher gegen Null tendierten, wurde wieder einer der lang erwarteten Favoriten ins Rennen um die Bären geworfen. Der beim Sundance-Festival mit dem Publikumspreis ausgezeichnete Maria voll der Gnade (Maria llena eres de Gracia) erzählt die Geschichte der jungen Maria und ihrer Odyssee über zwei Kontinente. Eben hat sie noch den Job in der Blumenfabrik gekündigt, weil ihr Chef sie schlecht behandelte, schon tut sich in Person von Franklin eine neue Verdienstmöglichkeit auf. Als “mule” könnte sie Drogenkurier werden, und sich mit einem Auftrag für lange Zeit finanziell absichern. Lucy, eine neue Bekannte und ebenfalls ein “mule” und Marias Freundin Blanca machen sich mit Kokainpäckchen im Magen auf den Weg in die USA. Dort angekommen werden sie nach einer Schrecksekunde am Flughafen von den Mittelsmännern abgeholt. Als Lucy schwer krank wird und von den Mittelsmännern umgebracht wird, flüchten Maria und Blanca und suchen Unterschlupf bei Lucys in New York lebender Schwester. Joshua Marston zeigt ein schonungsloses Portrait eines Landes und eines Geschäfts, das allein auf Profitdenken aufgebaut ist und in dem alle Beteiligten austauschbar sind. Viele brillante Szene zeigen die Willkürlichkeit und die Härte des Geschäfts und machen Maria voll der Gnade zu einem einmaligen und wertvollen Film, der viele Klischees widerlegt und weder beschönigend noch erklärend sein will, sondern nur realitätsnah. Catalina Sandino Moreno teilte sich am Ende der Berlinale ihren silbernen Bären für die beste Hauptdarstellerin mit Charlize Theron für ihre Rolle in Monster.


Um 12.30h ging dieser Tag in eine weitere Runde mit der Aufschrift “unvergesslich”: Romuald Karmakar präsentierte den ersten der zwei deutschen Wettbewerbsbeiträge. Die Nacht singt ihre Lieder handelt von einem namenlosen Pärchen, dass in der Routine einer der Leidenschaft und Spontaneität beraubten Beziehung lebt, welche nur noch vom gemeinsamen Kind zusammengehalten wird. Der auf einem Bühnenstück des Norwegers Jon Fosse basierende Film wurde zum größten Streitpunkt dieser Berlinale. Überdurchschnittliche viele Zuschauer verließen den Saal und der Rest behalf sich an vielen Stellen der eskapistischen Methode des Szenenapplaus und schallenden Gelächters. Allzu hölzern und aufgesetzt wirken Frank Giering und Anne Ratte-Polle in diesem abgefilmten Theaterstück. Deutlich wird, wie viel an einem Theaterstück abgeändert werden muss, um es auf die Leinwand zu bringen. Zu laienhaft wirken die Dialoge und Handlungen. An der Qualität des Stoffes gibt es keine Zweifel, da das Thema in Fosses Dialogen wunderschön und deprimierend zugleich ausgedrückt wird. Kamarkar schafft es jedoch nicht, die Kammerspielatmosphäre seines Todmachers aufkommen zu lassen, sondern setzt seine Schauspieler der Lächerlichkeit aus, ohne dass diese es eigentlich verdient hätten. Als symptomatisch wurde dann auch die anschließende Pressekonferenz gesehen, in der Romuald Kamarkar die Journalisten angriff und ihnen einen schlechten Filmgeschmack unterstellte, weil sein Film nicht das erhoffte Echo fand. Ein unglücklicher Film gefolgt von einem noch unglücklicheren Auftritt hinterher ließen den ersten deutschen Beitrag leider in einem schlechten Licht erscheinen. Das hatte man sich sicherlich anders vorgestellt.

Zum Abkühlen gab es dann am Nachmittag die erste Vorführung von Omar Naims Film The Final Cut, in dem Robin Williams sein neues, ernstes Charakterfach weiterführen wollte, das er mit Insomnia und dem grandiosen One Hour Photo angefangen hatte.
In der nahen Zukunft werden Embryonen von zahlungskräftigen Eltern spezielle Aufzeichungschips implantiert, die das gesamte Leben mitschneiden. Wenn der Betreffende dann Jahre später stirbt, kommt ein Cutter zum Einsatz, der dieses gesamte Leben zu einem eineinhalbstündigen Best-Of mit der passenden Musik zusammenschneidet für die Trauergemeinde. Alan Hackman ist der Beste seines Fachs und Spezialist für die schwierigen Fälle, in denen problematische Szenen wie Vergewaltigungen und Seitensprünge von ihm gelöscht werden, oder auch in einen anderen Kontext gesetzt werden. Als er eines Tages den Chip eines kürzlich verstorbenen Industriellen zum Auftrag bekommt, begegnet ihm eine Person aus seiner Vergangenheit wieder. Ein Bild und eine Person, die ihn sein ganzes Leben verfolgt und gequält haben. Soviel zum Inhalt, von dem ausgehend man ja durchaus einen intelligenten und spannenden Film erwarten könnte, der wieder eine interessante Frage aufwirft: Würde ich mein Leben anders leben, wenn ich wüsste, das alles aufgezeichnet wird? Leider vergibt Omar Naim das offensichtliche Potential dieser Geschichte und hat einfach nur einen durchschnittlichen und langweiligen Film gemacht, der so vorhersehbar ist wie Robin Williams Leistung diesmal durchschnittlich. Langweilige Höhepunkte, ein langweiliger Konflikt, ein langweiliges Trauma, alles an diesem Film, bis auf die Ausgangsidee, ist langweilig. Viel Potential wurde hier von Seiten der visuellen Inszenierung und der Schauspieler leider einfach vergeudet.

Das kurze Tief war überwunden und der Donnerstag versprach mit dem zweiten deutschen Beitrag besser zu werden. Die Übermüdung wurde langsam aber sicher als Dauerzustand angesehen und schon gar nicht mehr weiter beachtet. Solange Starbucks und Tchibo weiterhin für Kaffee sorgen würden, machte man sich bei den Rot-Akkreditierten keine Sorgen, vor Samstag zusammenzubrechen.


Donnerstag, 12. Februar 2004

Mit einem Paukenschlag und Triumph begann dieser siebte Wettbewerbstag. Fatih Akins Film Gegen die Wand bekam beinahe stehende Ovationen und offene Münder. Einige hatten etwas solideres erwartet, als das, was Romuald Karmakar einen Tag vorher geliefert hatte. Aber dass er großes Emotionskino auf die Leinwand bringen würde, dass mit zwei grandiosen Hauptdarstellern ausgestattet war, war dann doch etwas überraschend.
Die 20jährige Sibel (Sibel Kekilli) und der 40jährige Cahit (Birol Üner) treffen sich in einem Krankenhaus zum ersten Mal. Beide haben einen Selbstmordversuch hinter sich und wissen nichts mehr mit ihrem Leben anzufangen. Sie möchte eigentlich nur leben und aus ihrer traditionell-heuchlerischen Familie ausbrechen, er sieht in seinem Leben, das hauptsächlich aus Koks, Becks und Zufallsbekanntschaften besteht, auch keinen Sinn mehr. Sibel versucht, Cahit zu überreden eine Scheinheirat mit ihr einzugehen, damit sie zuhause ausziehen und frei leben kann. Es kommt, wie es kommen muss. Man verliebt sich ineinander und die Eifersucht des eigentlich nur auf Scheinbasis geheirateten Mannes wird schnell zum großen Problem und wenig später zur Katastrophe, als er aus Eifersucht einen Nebenbuhler erschlägt und ins Gefängnis muss. Sibel muss zu ihrer Cousine nach Istanbul flüchten, weil ihre Familie in Hamburg sie verstoßen hat und ihr Bruder sogar bereit ist, sie zu töten, weil sie die Familienehre zerstört hat.
Das Drama um die zweite und dritte Generation der Einwanderer in Deutschland findet mit diesem Film ihr filmisches Vermächtnis. Gefangen zwischen zwei Kulturen und in keiner richtig zuhause reibt sich Cahit immer wieder auf und steuert erbarmungslos auf den Abgrund zu. Sibel möchte gern das normale Leben eines deutschen, bzw. westlichen Mädchens führen und machen, was sie will, kann jedoch nicht aus ihrer Familie entfliehen. Dass dies ganz klar kein Film mehr über Gastarbeiter ist, wie Fatih Akin auf der Pressekonferenz einem erstaunten Kollegen der SZ auch entgegenschleuderte (“Das Wort gibt es in meinem Wortschatz nicht mehr”) , sieht man in vielen, kleinen Details. “Dein Türkisch ist scheisse“ sagt Sibels Bruder Cahit ungeschönt, als dieser sich anschickt, bei ihrem Vater um ihre Hand zu bitten. Und als Cahit nach seinem Knastaufenthalt nach Istanbul fliegt, um Sibel zu suchen, da begegnet ihm im Taxi ein waschechter Türke - mit bayerischem Akzent.
Leidenschaftlich und mit voller Wucht spielen Birol Üner und Sibel Kekilli ihre Rollen und überzeugen das Publikum von der inneren Zerissenheit ihrer Charaktere. Nachdem Akin mit seinen letzen beiden Filmen sein gewohntes Metier verlassen hatte und mit beiden (Im Juli und Solino) bei der Kritik durchgefallen war, kehrte er jetzt wieder zurück und zeigt, dass ein Film mit deutsch-türkischer Thematik durchaus aus einer “Krass” und “Ey, Alder”-Schiene ausbrechen kann und dabei auch keine Sekunde unglaubwürdig erscheint. Zu Recht bekam Gegen die Wand den Goldenen Bären für den besten Film. Es bleibt zu hoffen, dass Fatih Akin weiter solche Filme macht, damit die Hoffnung des deutschen Films nicht immer mit Namen wie Bernd Eichinger, Doris Dörrie und Katja Riemann verbunden wird, sondern mehr mit Fatih Akin und einer (Regisseurin von Nirgendwo in Afrika).

Mit Trilogy-The weeping meadow (Trilogia: To livadi pou dakrisi) präsentierte Theo Angelopoulos seinen Auftakt zu einer epischen Trilogie über die Geschichte Griechenlands nach dem zweiten Weltkrieg. Die Ereignisse im ersten Teil setzen 1919 ein und enden 1949. Im Mittelpunkt stehen ein Mann und eine Frau, die sich als Kinder in Odessa kennen lernen. Als Erwachsene verlieben sie sich ineinander und müssen fliehen da sie seinem Vater versprochen ist. Ihre Wege trennen sich bei Ausbruch des zweiten Weltkriegs, wo er nach Amerika geht und sie mit den zwei Kindern zurückbleibt. Doch die Handlung ist nicht das Entscheidende bei diesem Film. Gebannt ist man von den unglaublichen Bildern, den Fahrten, den Tableaus. Angelopoulos erzählt metaphorisch und schreckt auch vor den ganz großen Parabeln nicht zurück: da wird die Sintflut zitiert oder auch der Kain und Abel-Komplex. Doch vielen waren im fortgeschrittenen Stadium dieser Berlinale die Einstellungen doch zu lang, die Fahrten zu ausufernd, die Charaktere zu unpersönlich um Identifikationspotential zu bieten. Kein einziges Mal waren die Darsteller in einer Nahaufnahme zu sehen. Ein episches Meisterwerk, etwas zu blutleer.

Freitag, 13. Februar 2004

Witze über das Datum kamen jedem in den Sinn an diesem vorletzten Wettbewerbstag, an dem noch einmal Altmeister wie Ken Loach und Eric Rohmer ins Rennen gingen.

Eine versponnene und dialoglastige Spion-Geschichte brachte Eric Rohmer mit nach Berlin. Triple Agent zeigt Fiodor und Arsinoe, die aus Russland nach Paris geflohen sind. Sie bleibt den ganzen Tag zuhause und malt, seine Anstellung bleibt jedem unklar. Arbeitet er für die Kommunisten, für die Russen, ist er gar ein Nazi? Am Ende weiss nicht einmal Fiodor selber, was er ist und für wen er arbeitet. Der Film zeichnet sich durch seine guten Schauspieler aus und die exakte Figurenzeichnung, durch sein gut durchdachtes Drehbuch. Dass der Film sich etwas in seinen Längen verliert und man manchmal die Dialoglastigkeit verflucht, sind die wenigen negativen Aspekte, die man finden kann. Aber man sieht ja auch Eric Rohmer und nicht Michael Bay...

Ken Loachs Ae Fond Kiss bildete den krönenden und durchaus auch versöhnlich zu sehenden Abschluss des Wettbewerbs. Casim und Roisin könnten nicht unterschiedlicher sein. Er ist DJ in Glasgow und pakistanischer Abstammung. Bald soll er seine Cousine heiraten und die Familientradition hochhalten. Roisin ist eine unabhängige, hübsche Irin, die ihren eigenen Kopf hat und in Glasgow Lehrerin ist. Zufällig lernen sie sich kennen und lieben. Dass das nicht geht, ist dem Zuschauer natürlich klar und hält auch langsam Einzug in das gemeinsame Leben der Beiden. Kleine Schikanen und die Erkenntnis, das man aus merklich verschiedenen Hintergründen kommt, stellen die Liebe der Beiden auf eine schwere Probe. Bricht Casim mit seiner Familie, lässt er Roisin fallen für die Tradition oder konvertiert Roisin zum Islam? Gnadenlos hält Loach der traditionsverkrusteten Familie Casims den Spiegel vor und zeigt auch die Probleme, die mit einer Liebe kommen, die zwischen zwei verschiedenen Welten existieren will, wo der eine den anderen nicht zuhause vorstellen kann. Wunderbare Schauspieler lassen diesen britischen Film dort weitermachen, wo sich Kick it like Beckham mit Klischees und Floskeln begnügte.

Der letzte von uns gesehene Wettbewerbsbeitrag ist 20:30:40 von Sylvia Chang, die auch eine der Hauptrollen übernahm. Drei Frauen werden porträtiert, eine Anfang zwanzig, eine in den Dreißigern, und eine Mittvierzigerin. Alle sind sie auf der Suche nach Liebe, in der ein oder anderen Form. Lose verbunden treffen die Handlungen hier und da aufeinander, und lösen sich auch sofort wieder. Mit einer Leichtigkeit, einer Frische und einer guten Portion Humor inszenierte Sylvia Chang diesen Film, der einfach nur Spass macht, und einer der Filme ist, bei dem man mit einem guten Gefühl den Kinosaal verlässt. Leider wurde das Filmvergnügen etwas getrübt, weil die Filmrollen in falscher Reihenfolge eingelegt wurden und nach 60 Minuten der Abspann kam, und dann wieder mittendrin einsetzte. In bester Pulp-Fiction-Manier musste sich der Zuschauer die Handlung zurechtlegen und es spricht für den Film, dass nach Bemerken des Fehlers nicht allzu viele Zuschauer den Raum verließen.

Fazit, Samstag, 14. Februar 2004

Generationskonflikte, Beziehungsprobleme und die Suche nach seinem eigenen Ich waren die beherrschenden Themen der Filme, die dieses Jahr um den Goldenen Bären konkurrierten. Neben durchschnittlichen Filmen, die nicht mehr zeigten und vermittelten, als man von Anfang an erwarten konnte, wie Something´s Gotta give, The Missing oder Cold Mountain wurden auch Überraschungen präsentiert, die mehr gaben, als man in seiner kulturpessimistischen Annahme von vorneherein erwartete. So überraschte Fatih Akin mit ungeahnten dramatischen Qualitäten und einer perfekten Auswahl seiner Schauspieler, Ken Loach brillierte mit einem ethnischen Drama, das sein Thema beschrieb, ohne dabei in Klischees und Peinlichkeiten abzurutschen. Vinko Bresan erzählte ohne falsches Mitleid und Pathos eine kleine, alltägliche Geschichte aus dem Kroatien der 90er Jahre und Patty Jenkins zeigte das genaue und traurige Psychogramm einer Frau, die sich ihre eigenen Regeln erschuf und dabei die Wirklichkeit mit drastischen Folgen aus den Augen verlor. Hans-Petter Moland lieferte den emotionalsten Beitrag der Berlinale und gewann mehr als überraschend keinen Bären. Primo Amore erregte den Zorn vieler italienischen Journalisten auf sich, zeigte aber gnadenlos die Manipulierbarkeit von Menschen, die sich in lieblosen Beziehungen befinden, aber zu bequem, ängstlich oder unfähig sind, sich daraus zu befreien. Joshua Marston zeigte uns auf eine beängstigend realistische Weise den Drogenhandel durch junge Mädchen und gewann verdient den Silbernen Bären für seine Hauptdarstellerin.

Obwohl viel Durchschnitt und wenig Forderndes geboten wurde, gab es einige Filme, die den grauen Gürtel des Durchschnittlichen durchbrachen und einen bleibenden Eindruck hinterließen und die Hoffnung hochhielten, dass man in Zukunft mehr solcher Filme sieht.

Erwähnenswerte Filme außerhalb des Wettbewerbs:

De Prijs van Overleven (The Price of Survival)
Louis van Gasteren zeigt uns in seiner Dokumentation die privaten Konsequenzen des Holocaust und hält uns das Schicksal der zweiten Generation vor Augen. Der Sohn eines Überlebenden berichtet, wie das Schicksal seines Vaters die ganze Familie psychisch belastet und sie am Ende auch zerstörte. Ein schockierendes Stück Zeitgeschichte, das erst wenig Behandlung gefunden hat und einen würdigen Umgang in dieser Dokumentation gefunden hat.

Die Spielwütigen
Andreas Veiel, der schon mit seiner Dokumentation Black Box BRD Aufsehen erregte, begleitete über sechs Jahre lang vier Schauspielschüler der Ernst Busch-Akademie und zeichnet ihren Weg von den ersten Vorsprechen, über die Erschöpfung nach Proben und den ersten Enttäuschungen nach zerplatzten Träumen nach, um einen realistischen Eindruck des Schauspielerberufs in Deutschland zu vermitteln, der über die anfänglichen Ideale hinausgeht und auch die Enttäuschungen und Durststrecken zeigt, die man aller Wahrscheinlichkeit erdulden muss. Realistisch und mitfühlend zeigt er, wie Prod, Constanze, Karina und Stephanie mit ihren kleinen Problemen zu kämpfen haben, aber auch Erfolge feiern, die sie nicht aufgeben lassen. Für Die Spielwütigen gewann Andreas Veiel im Panorama den Publikumspreis.

D.E.B.S.
Was wäre, wenn die Welt nicht von Männern mit englischem Akzent und perfekt sitzenden Brioni-Anzügen beschützt würde, sondern von einer Gruppe Mädchen im Alter von 18 bis 20 Jahren, die einem in den amerikanischen SAT-Test integrierten Spezialtest bestehen und damit auf eine Spezialakademie eingeladen werden, auf der sie dann zu Superagenten ausgebildet werden. Angela Robinson baute ihren beliebten Kurzfilm D.E.B.S. (nebenbei: Discipline.Energy.Beauty.Strength), der letztes Jahr auf der Berlinale großen Anklang fand zu einer bitterbösen Farce aus, die gekonnt Filme wie Spy Kids und Agent Cody Banks noch dümmlicher aussehen lassen, als sie es ohnehin schon sind. Ein weltbekannte Verbrecherin ist wieder auf der Bildfläche erschienen und muss observiert werden. Dumm ist nur, wenn sich die Anführerin der Spezialagentinnen in sie verliebt und die beiden eine lesbische Affäre beginnen. Gekonnt werden hier Rollen- und Geschlechterklischees verwechselt und auf den Arm genommen. Nachdem man sich an die rauchenden und promiskuitiven Agentinnen gewöhnt hat, erlebt man einen erfrischenden Film, der vollkommen aus der Rolle fällt und sich in dieser Rolle gefällt.

The Machinist (Der Maschinist)
Trevor Reznik ist ein einfacher Arbeiter in einer Fabrik, der eine traurige Existenz sein eigen nennt. Seit einem Jahr hat er nicht mehr geschlafen, hat die Statur eines Skeletts und sein Privatleben erschöpft sich in seinen Besuchen bei einer Prostituierten. Brad Andersons Film über Schuld und Sühne zeigt wieder einmal das Christian Bale zu den talentiertesten jungen Schauspielern gehört, die das Filmgeschäft im Moment zu bieten hat. Eine Berliner Zeitung schrieb vollkommen richtig, dass Charlize Therons Auftritt in Monster wie ein “Faschingsauftritt” gegenüber Christian Bale in diesem Film wirkt. Über 35 Kilo hat er sich für die Rolle abgehungert und man bekommt wahrlich einen Schreck, wenn man ihn sieht. Genüsslich spielen Anderson und Bale mit dem Ekel und der Anziehung dieses extremen Körpers, an den man sich im Laufe des Films auch nur schwerlich gewöhnt. Immer wieder fürchtet man, Bale könne wirklich jeden Moment umfallen. Eine exzellente schauspielerische Leistung, die hoffentlich in die deutschen Kinos kommen wird.

The Yes Men
Dan und Chris könnten sich keine größere Organisation ausgesucht haben, um ihren Internet-Auftritt aufsehenerregend zu gestalten. Die Beiden haben die gleiche Internet-Adresse wie die Welthandelsorganisation WTO. Da die Site exakt so aussieht wie die Originalsite, nur randvoll mit satirischem Inhalt ist, bekommen die Beiden immer wieder Einladungen zu internationalen Konferenzen. Dort angekommen überraschen sie ihre Zuhörer immer wieder mit neuen abstrusen Ideen und Vorschlägen, wie zum Beispiel zum besseren, bzw. effizienteren Ausbeuten seiner Arbeiter oder der Selbstauflösung und Neuordnung der WTO, die sich zum Ziel genommen hat, von nun an humaner zu arbeiten. Das haarsträubende an dieser Dokumentation ist nicht, was sich die beiden Satiriker rausnehmen, sondern die Kritiklosigkeit, mit der ihre Zuhörer das Abstruseste über sich ergehen lassen, als ob sie von der WTO nichts anderes erwarten würden. Die einzigen, die sich kritisch zu ihren Ideen äußern, ist eine Klasse von High-School Schülern, bei denen sie einen Vortrag halten, dessen Thema das Recycling von menschlichen Exkrementen ist, um sie in der dritten Welt wieder als McDonald´s-Produkte zu verkaufen. Wem der Humor von Michael Moore manchmal nicht weit genug geht, der wird die Yes Men lieben.

Go Further
Viele Nachrichten über Woody Harrelson hat man in einschlägigen Magazinen und Sendungen schon gehört. Sein Einsatz für die Legalisierung von Marihuana und diverse Verhaftungen zeichnen ein Bild eines idealistischen Umweltschützers, der viel Geld zur Verfügung hat. In Ron Manns Go Further sehen wir nun, wie er eine Kampagne startet, um eine gesündere Ernährungs- und Lebensweise zu propagieren, die auf rein pflanzlicher Basis beruht. Im Rahmen der SOL-Tour (Support Organic Life) startete er eine Radtour über 2000 km, die, begleitet von einem mit Bio-Diesel getriebenen Bus immer wieder an Universitäten anhielt, um seine Lebensweise zu bewerben. Ein nicht allzu ernst zu nehmender Film, der an manchen Stellen etwas oberflächliche Kritik am bösen Schreckgespenst Konsum und Kapitalismus aufwirft, aber eigentlich gesunde Ernährung zum Thema hat. Nach dieser Doku hat man plötzlich auch ein ganz anderen Blickwinkel auf das tägliche, gesunde Glas Milch.


Zwischen Nacht und Tag
Eher poetisch und metaphysisch geht dieser Film mit seinem Hauptthema um, dem Tod. Achim (Richy Müller) führt ein unauffälliges und ruhiges Leben mit dem er zufrieden ist. Sein Job als U-Bahn-Fahrer ernährt ihn und lässt seine Tage sinnvoll vergehen. Bis zu dem Tag, als ihm Vera (Nicolette Krebitz) bei der Einfahrt in den Bahnhof vor seine U-Bahn springt und sich umbringt. Achims eben noch stabiles Leben gerät langsam aber sicher aus den Fugen. Er vernachlässigt seine Freundin, die er im Unklaren über seinen Unfall lässt und beginnt, sich auf die Suche nach Vera zu machen, die er immer wieder überall sieht. Sie nimmt Kontakt mit ihm auf und ein Verhältnis entwickelt sich zwischen den Beiden. Ein ruhiger, intensiver Film, dem die Traurigkeit und Schwermütigkeit anzumerken ist. Müller und Krebitz spielen ihre Rollen wunderbar und man will eigentlich gar nicht wahrhaben, dass aus den Beiden kein Paar mehr werden kann. Ein schönes Beispiel dafür, die Hoffnung in den deutschen Film nicht aufzugeben. Man muss nur lang genug suchen, dann findet man Juwele wie Zwischen Tag und Nacht.

[mm/mn]