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Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels

(Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull; USA, 2008)

Die Wüste von Nevada. Es ist 1957. Der zweite Weltkrieg ist lange vorbei, die Nazis haben ausgesorgt, die bösen Buben sind jetzt die Kommunisten. Eine Stadt voll Künstlichkeit, gewohnt hat hier nie jemand, es ist nur eine Simulation. Dann die Explosion, Häuser brennen, Menschenpuppen schmelzen dahin, alles wird hinweg gefegt. Ein Kühlschrank wird durch die Luft gewirbelt, überschlägt sich, kracht weit weg von der Rauchwolke zu Boden. Ihm entsteigt ein Mann, angegraut, Hutträger, Peitsche am Gürtel. Er blickt hinaus auf die Wüste und dieses übermächtig Schauspiel, welches sich ihm bietet. Er hat andere Dinge gesehen, Formen des göttlichen Zorns, des Nicht-Irdischen. Dieser Atompilz ist aber irdischer Natur, vom Menschen geschaffen, auch wenn er optisch das bisher dar gewesene in den Schatten stellt. In diesem Szenario erscheint der Mann wie ein groteskes Abbild der Vergangenheit, ein Relikt einer anderen Zeit, in der der Mensch sich noch nicht gottgleich gab. Willkommen in der Moderne, Indiana Jones…

19 Jahre nach dem „letzten Kreuzzug“ setzt Steven Spielberg (62) mit „Indian Jones und das Königreich des Kristallschädels“ eine der erfolgreichsten Trilogien der Filmgeschichte fort. Filmgeschichte, das war es, was das Duo Spielberg und sein Produzent George Lucas (64) 1981 mit „Jäger des verlorenen Schatzes“ schrieben. Die Initialzündung für ein hollywoodsches Entertainmentkino, wie man es zuvor nicht kannte, genauso aber auch der Beginn eines Revivals des Abenteuerfilms. Und ein neuer Held war geboren, der bis heute, bald 30 Jahre nach seiner Geburt, mit einer ungeheuren Popularität behaftet ist. Es ist das Image und seine Merkmale, die Indiana Jones groß gemacht haben. Es ist der Hut, die Lederjacke, die Peitsche, die Bartstoppeln. Die famose Situationskomik genauso wie das ironische Spiel mit Klischees. Die mitreißende, perfekt durchdachte Action, die genau konzipierte Inszenierung der Bewegung. Und es ist natürlich auch Harrison Ford (65), durch den die Marke „Indiana Jones“ all dies erreichen konnte, was sie erreicht hat. Jahre lang versuchte das Team Spielberg/Lucas/Ford einen neuen Indy-Film zu realisieren – so lange, dass sie darüber alle drei alte Männer wurden. Stattdessen folgten eine Fernsehserie, Romane, Computerspiele. Plots wurden entwickelt, verschiedene Starautoren versuchten sich an Drehbüchern, aber irgendwie hatte einer der drei Weisen aus Hollywood immer was zu meckern. Je länger der Prozess andauerte, desto unwahrscheinlicher wurde eine Rückkehr auf die Leinwand. In der Zwischenzeit wurde die Fangemeinde mit immer wieder neuen Gerüchten bei Laune gehalten. Lange Zeit sollte Sean Connery als der Vater von Indiana Jones zurückkehren, dann sollte Kevin Costner als dessen kleiner Bruder mit Ford ein Team bilden. Auch die Rückkehr sämtliche Jones-Girls war angedacht. Kleine Details zu Storyplots kamen heraus, waren aber eh gleich wieder verworfen, da der zuständige Autor dann wieder das Handtuch schmiss. In der Zwischenzeit sanken auch die Sterne des Trios. Lucas sammelte viel Schelte und wenig Lob für seine neue „Star Wars“-Trilogie, Ford war nach dem äußerst abrupten Ende seiner Vorzeigeehe, der neuen Beziehung zur 20 Jahre jüngeren Calista Flockhart und dem radikalen Stehenlassens eines Oberlippenbartes alles andere als der Mann, den die Amerikaner am liebsten auf dem Präsidentenstuhl hätten – was er zumindest laut Umfrage-Legende bis Mitte der 90er Jahre noch war, die Fans hatten also das Vertrauen in ihn verloren, was sich auch auf seine Karriere stark auswirkte. Und auch Spielberg hatte nach seinem kommerziellen („Jurassic Park“) wie künstlerischen („Schindlers Liste“) Höhepunkt 1993 es nicht mehr geschafft das Kino neu zu erfinden, zu letzt hatte er mit dem Terrordrama „München“ seine Fans, aber auch vielfach die Kritiker vergretzt, auch wenn – oder gerade weil – es sein erster Nicht-Mainstreamfilm seit Jahren war. Ein neuer „Indiana Jones“-Film bot also allen Beteiligten die Möglichkeit zu einem Revival der persönlichen Art.

Ob das klappt? Teils, teils. Der Auftakt ist furios, die Eingangssequenz, in der der entführte Indiana Jones den Russen behilflich sein muss in einer Lagerhalle ein Artefakt aufzuspüren, dass von den Amerikanern hier „versteckt“ wird, strotzt vor guten Einfällen und bietet auch genug Seitenhiebe und Zitate. Und doch merkt man auch hier bereits, dass das nicht so ganz die gewohnte Qualität ist. Zu Anfang lernt man auch gleich den neuen Oberschurken kennen, der diesmal weiblicher Natur ist: die australische Ausnahmeschauspielerin Cate Blanchett spielt – hier ungewohnt schwarzhaarige – die russische Top-Generälin Irina Spalko, die sich kräftig am Fundus der Kalten Krieg-Klischees bedienen darf, so dass sich die ganze Figur der Lächerlichkeit preis gibt. Das ist anfangs, wenn Blanchett sich damit brüstet dreifache Trägerin des Lenin-Ordens zu sein um dann zu versuchen mit ihren parapsychologischen Fähigkeiten die Gedanken von Indiana Jones zu lesen, noch witzig. Später jedoch wird die durchgängig unterforderte Blanchett eher zur Staffage, einem Schurken, den man als Zuschauer nicht ernst nehmen kann. Durch das Fehlen eines brauchbaren Antagonisten entsteht aber auch nie, zumindest aus der Sicht des Zuschauers, eine wirkliche Gefahr für Indy, das Böse hat nicht den Hauch einer Chance. Eine Spannungskomponente wird dadurch aber zerstört.
Nachdem Indy der russischen Gefangenschaft entflohen ist, landet er direkt in amerikanischer. Die Kommunistenjäger setzen ihn erstmal auf Verdacht ein Doppelagent zu sein, fest. Dies gibt aber ach Gelegenheit zu erfahren, was aus Indiana Jones nach den Geschehnissen im „Jäger des verlorenen Schatzes“ (zeitlich sind die ersten drei Indy-Filme rückläufig angelegt) passierte, so war er als Regierungsagent tätig. Viel mehr Informationen werden aber nicht übermittelt und genug neue Fragen bleiben unbeantwortet.
Erst mit der Rückkehr an das College, wo Henry Jones Jr. als Professor tätig ist, atmet der Film wirklich erstmals die Kinoluft der 80er. Die Figuren sind vielleicht älter geworden, ihr Umfeld aber nicht wirklich. Das Auftauchendes des rebellischen Mutt Williams (Shia LaBeouf), einer nicht minder klischeebeladenen Mischung aus einem Marlon Brando-Look-a-like und einer Figur aus Lucas eigenem Film „American Graffiti“, führt zu einer wilden Verfolgungsjagd durch die Stadt und über das Uni-Gelände, die an die glorreicheVenedig-Hetze in „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ erinnert. Diese Szene ist die beste im ganzen Film, so ist in ihr all das enthalten, was man inszeniatorisch von „Indiana Jones“ erwartet – und die einzige, an der es nichts zu meckern gibt. Die folgende Story ist einfach und wer die bisherigen drei Teile kennt ahnt auch vom ersten Moment an die Wendungen, die die Geschichte bereithält. Das entwickelt sich mit fortlaufendem Film natürlich immer mehr zum Problem.

Indiana Jones eilt mit Mutt Williams nach Peru, wo er nach seinem Kollegen und alten Freund Alexander Oxley (John Hurt) suchen will, der Mutts Ziehvater und auch bester Freund seiner Mutter ist, die angeblich auch Indy gut kennt – worüber der sich aber im Gegensatz zum Zuschauer irgendwie keine Gedanken macht. Oxley suchte einen legendären Kristallschädel, der über ungeheure Kräfte verfügen soll. Indy und Ox (jeder ordentliche Archäologe braucht schließlich einen coolen Spitznamen) waren in ihrer Jugend von diesem besessen. Natürlich ist auch Irina Spalko hinter diesen undefinierten Kräften her und setzt sich auf Indys Spur. Der findet nicht nur den anscheinend mittlerweile grenzdebilen Ox, sondern auch Mutts Mutter, die sich als seine alte Geliebte Marion Ravenwood (Karen Allen) herausstellt, die Indy aus nicht wirklich erklärbaren Gründen nach „Jäger des verlorenen Schatzes“ kurz vor der Hochzeit verließ und von der er seitdem nichts mehr hörte.

Natürlich flammt sofort die alte Leidenschaft wieder auf, aber auch hier nicht wirklich in gewohnter Form. War das Verhältnis zwischen Indy und Marion im Vorgänger von der Abwechslung von Streit- und Liebesschwüren bestimmt und funktionierte dadurch auch als Hommage an vergangene Leinwandpärchen, so wird Marion hier wie bereits Irina Spalko eher zur Schablone, einem Sidekick, der nur eingeschränkte Leinwandrechte hat. Natürlich ist es für den Fan eine Freude Ford und Allen wieder vereint zu sehen – sie ist ja auch die einzige bekannte Figur der alten Filme – die gewohnten Frotzeleien zwischen den beiden bleiben aber aus, statt dessen gibt’s von Indys Seite dann abgeschmackte Onliner wie „Ich hatte nach Dir viele Frauen, doch sie alle hatten ein Problem: Sie waren nicht Du“. Dadurch wird Marion ersetzbar, statt ihrem Charakter hätte man auch jede unbekannte Ex-Geliebte von Indiana Jones ins Script schreiben können. Karen Allen spielt ihre gealterte Figur mit Hingabe, schafft aber nicht den Drahtseilakt zwischen Übersteigerung und Weiterentwicklung. Viel mehr wirkt gerade sie so, als wären die Dreharbeiten für sie ein Auskosten von guten Erinnerungen gewesen, nicht aber wirklich eine Aufgabe.

Was folgt sind schöne Actionsequenzen, immer davon bestimmt, ob Indy Spalko zuvorkommen kann. Diese sind streckenweise äußerst humorvoll durchdacht, leiden aber vor allem unter den extrem erkennbaren Computereffekten, so ist z. B. die Verfolgungsjagd mit den Jeeps durch den Dschungel als Blue Screen-Efekt problemlos auszumachen, deren Entstehen man auf die sehr schnelle Produktion schieben kann, hier fehlt es am Feinschliff. aber auch einige parodistische Ideen geraten schon fast zur Peinlichkeit, so wird z.B. aus dem Brando-Look-a-like ein Tarzan-Look-a-like, der sich von Line zu Liane zurück in den Jeep schwingt. Gegen Ende wird’s dann auch zunehmend ärgerlich, der Plot bekommt immer mehr Löcher, die zeigen, dass man mit Slapstick und Effekten zu überdecken versucht, dass der Film eigentlich keine Geschichte hat. Das macht zwar trotzdem Spass, ist aber der Marke „Indiana Jones“ nicht wirklich würdig.

„Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ ist – daran hat man ja auch nie gezweifelt – äußerst kurzweiliges und schön gemachtes Entertainmentkino. Er ist aber leider kein intelligenter Film, was bei den vielen verworfenen Drehbuchideen wundert. Spielberg war während des Produktionsprozesses stark darum bemüht sämtliche Storydetails geheim zu halten, dass man damit rechnen konnte, dass sich sein Team wenigstens ein paar gut Kniffe hat einfallen lassen, heraus gekommen ist aber vorhersehbarer Einheitsbrei. Und im Abschluss die amerikanische Familie – absolut Spielberg-typisch halt – wieder zusammenzuführen und zu feiern, fügt dem Gemisch dann auch noch eine schlechte Priese Kitsch hinzu. In einer Abgrenzung kann man sagen, dass „Indy 4“ ein gelungenes, angenehmes Eventmovie ist, als „Indiana Jones“-Film ist er aber absolut durchschnittlich und erfüllt nicht mehr als das, was er auch erfüllen muss, nämlich einen kantigen Harrison Ford,der bewest, dass man auch mit Mitte 60 noch zum Helden taugt, in funktionierenden Slapstick-Einlagen und Actionszenen vorzuführen. In sämtlichen weiteren Disziplinen bleibt der Film jedoch auf halber Strecke liegen, sogar bei dem Spiel mit der Veränderung durch das Altern, die sich später vor allem in dem Kontrast zwischen den beiden Buddys Indy und Mutt niederschlägt, welches aber auch nie bereit ist ausgetretene Pfade zu verlassen. Spielberg und Lucas verschenken eine Unmenge an Chancen, wie man den Film hätte interessanter machen können, anscheinend in der Meinung, dass dem Publikum des neuen Millenniums dank der Täuschung durch eine atemlose Inszenierung die Schwächen nicht so sehr auffallen wird, dass es ärgerlich gestimmt ist. Und damit haben sie wahrscheinlich sogar recht. Wirklich überzeugen können sie damit aber nicht.

[srs]