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Kirschblüten - Hanami

(D, 2008)

Der deutsche Film hat eine schwere Zeit hinter sich – und wahrscheinlich auch noch vor sich. Alle größeren Talente, die in unserem paradoxen System aus Filmförderung und Hochschulausbildung, in der gute Kreativität dazu verdammt ist zu erstickn, wollen doch eigentlich nur weg. Hollywood hat viele von ihnen gerufen, alte wie junge. Was vom neuen deutschen Film in den 80ern übrig blieb hat sich verdrückt, Regisseure wie Volker Schlöndorff oder Wolfgang Petersen, also nicht-kommerzielle wie kommerzielle, haben ebenfalls im Ausland das Publikum gefunden, welches sie anscheinend suchten. Doris Dörrie ist da anders, die hat es nie nach Hollywood gezogen. Dabei hätte ihr nach ihrem Kult-Erfolg mit „Männer“ 1985, ein Film der sich bis heuter ungeheurer Popularität erfreut, weil er so originell ist, doch gerade dieser Weg vorherbestimmt sein müssen, jedenfalls wenn man nach dem Klischee geht. Deutschland Leading Lady der Regisseure blieb aber der Heimat treu – und versorgt uns je länger sie dabei ist auch immer mehr mit noch grausigeren Mischungen aus Kunst, Kitsch und Klump. Ihre letzten beiden großen Kinoproduktionen „Der Fischer und seine Frau“ und“Nackt“ waren weder bei Publikum wie Kritik noch besonders erfolgreich. Ihr neuer Film „Kirschblüten – Hanami“ läuft im Wettbewerb der Berlinale – und um es vorwegzunehmen: Geändert hat sich nichts.

Trudi (die großartige Hannelore Elstner) und Rudi (Elmar Wepper zum ersten Mal in einer Kinohauptrolle) sind ein biederes bayrisches Vorzeigeehepaar. Sie leben auf dem Dorf, dort wo Fuchs und hase sich gute nacht sagen und verstehen eigentlich nichts vom leben außerhalb ihrer Seifenblase. Sie ist als Hausfrau immer mehr zum Mutterersatz geworden, der neben Kochen und Waschen hauptsächlich damit beschäftigt ist ihrem Mann ins Strickjäckchen zu helfen, während er als Sesselfurzer bei der Müllbeseitigung dafür zuständig ist Anweisungen zu geben Müllfuhre A nach Müllplatz B zu befördern. Ein Jahr vor seiner Rente muss Trudi erfahren, dass Rudi schwer krank ist. Die Ärzte sagen es ihr, damit sie ihn darauf vorbereiten kann, in wenigen Monaten wird er tot sein. Trudis Welt scheint zu zerbrechen, ein Leben ohne ihren Mann scheint unvorstellbar. Sie sagt ihm nichts von der Diagnose und überredet ihn doch mal wieder die Kinder zu besuchen. Die sind drei an der Zahl und wollen von den Eltern eigentlich nicht gestört werden. Klaus (Felix Eitner) ist erfolgreicher Politiker mit Frau und zwei Kindern, Karo (Birgit Minichmayr) handelt mit Retro-Möbeln und führt eine leidenschaftliche Beziehung mit der sensiblen Franzi (Nadja Uhl) und Vorzeigesohn Karl (Maximilian Brückner) arbeit in einem Büro in Tokyo, Japan, wo er Dinge tut, von denen seine Eltern keine Ahnung haben. In Berlin treffen Trudi und Rudi auf Klaus und Karo, die keine Zeit haben und auch genervt sind von ihnen. Da Rudi zudem auch Probleme mit der Metropole Berlin, in der er sich nicht zurecht findet, hat, gehts schließlich auf Trudis Wunsch an die Ostsee – wo Rudi eines morgens seine Frau tot neben sich liegen findet. Trauerfeier, Einäschung, Beerdigung, Familientreffen – auch Karl kommt angeflogen – führt bei den Kindern zwar zu schweren Selbstvorwürfen und zu der Erkenntnis, dass man jetzt für den Vater da sein müßte, dies wird aber sehr schnell durch den Gedanken verdrängt, dass keiner ihn in seinem Leben haben will. Rudi fährt nach Hause, den Tod nicht begreifen könnend und unwissend seines eigenen bald drohenden Ablebens. Ihm wird bewußt, dass auch er nicht alle Seiten seiner Frau kannte, die als junges Mädchen davon träumte nach Japan zu gehen und dort sich zur Butohtänzerin ausbilden zu lassen. Rudi beschließt, dass Trudi durch seine Augen nun alles noch sehen soll, was sie im Leben nicht mehr zu sehen bekam, räumt sein Konto leer und fliegt zu Karl nach Japan. Hier erfolgt neben den typischen Kulturclash schließlich die Suche nach sich selber und die Vereinigung mit dem Geist seiner Frau: Rudi trägt unter dem Mantel die Kleidung seiner Frau und wird dadurch eins mit ihr. Er schließt Freundschaft mit einer 18jährigen Obdachlosen, die ihm den Butohtanz näher bringt und reist schließlich mit ihr zum Fujiyama, dem Berg, den seine Frau immer sehen wollte. Hier soll er schließlich auch die eigene innere Katharsis erfahren.

Dass „Kirschblüten – Hanami“ eher den Klischees eines deutschen TV-Films folgen dürfte, muss man schon befürchten wenn man sieht, dass hinter der Produktion die Degeto steht, die Produktionsfirma die sonst für die weichgespühlte Freitagabend-Ware der ARD zuständig ist. Und genau dies trifft dann auch zu, auch wenn „Kirschblüten“ natürlich größer angelegt ist und sich nicht an der Alpenromantik eines Hansi Hinterseers ergötzen muss. Trotzdem bleibt die Bildsprache verkrampft und unoriginell, der Film selber scheint gemacht für ein verkopftes Publikum über 50. Der Grundplot des Films bietet gute Möglichkeiten zu einer ironischen wie weisen Tragikomödie über das Altern an sich wie auch das gemeinsame Altern, über Beziehungen, Bäuerlichkeit und den Tod. „Kirschblüten“ ist aber leider kein zweiter „Schulze gets the Blues“, sondern nur selbstverliebtes Geplapper, dass sich viel zu ernst nimmt und einen Kunstanspruch vorspielt. Schon allein die Tatsache, dass ein Landmädchen, dass nicht in der Lage ist einen Fahrkartenautomaten zu bedienen, davon träumt so etwas exotisches wie Butohtänzerin zu werden (davor kommt doch klischeehafterweise erst das Ballett), ist schon schwer zu ertragen. Dörrie gibt dies die Möglichkeit den handlungsort Japan zu etablieren, jedoch beutet sie das Thema Butoh danach aus. Spätestens wenn Elmar Wepper und seine neue japanische Freundin die Herstellung von Kohlrouladen nachtanzen hat man als Zuschauer von Butoh die Schnauze voll. Durch diese Übersteigerung funktioniert das Finale auch nicht mehr: vor der Kulisse des Fujiyama tanzen Hannelore Elstner und Elmar Wepper, beide als Butohtänzer geschminkt – eine Szene die eher aufgesetzt als emotionell berührend wirkt. Dies ist umso trauriger, da man dank Elmar Weppers sehr guter Leistung als Zuschauer große Sympathien zur Hauptfigur Rudi hegt, da die Story aber im Endeffekt von Anfang an vollkommen vorgezeichnet ist gelingt es ihm trotzdem nicht gegen diese Eintönigkeit des Scripts anzuspielen. Im Gedächnis bleiben mehr die peinlichen Momente, sei es nun wenn er in Frauenkleidern durch die Gegend wankt oder noch viel stärker, wenn Biederbürger Rudi, verirrt im japanischen Nachtleben, sich den Bildschirm mit breitbeinig tanzenden Stripperinnen teilen muss – eine Sequenz, die dem angepeilten FSK 6 bis FSK 12 hinderlich sein dürfte und spätestens im weichgespühlten Freitagabend-ARD-Programm nichts mehr zu suchen hat. Dies sind dann auch die Momente, in denen Dörrie gegen das Degeto-Image anzuspielen versucht, aber nicht mehr, dass der Film völlig verkrampft Unkonventionallitäten entwickelt, die dazu führen, dass er einfach noch langweiliger und verlogener wird. In der Bildsprache sucht man jede Innovation hingegen vergebens, der ganze Film müffelt so typisch deutsch, dass man trotz des leidlichen Unterhaltungswerts jede Lust verliert weiter zu schauen. Gerade mit der Standortverlegun nach Tokyo eröffneten sich völlig neue Möglichkeiten der bildlichen Darstellung, die von Doris Dörrie aber nicht nur ungenutzt, sondern ignoriert werden.Exotismus wird auf Traumschiff-Niveau wiedergegeben: da wohnt die junge Butoh-Tänzerin, die immer schick gekleidet und gebildet ist, in einem Zelt, dass wie ein Müllsack aussieht, und versucht hier japanische Traditionen aufrechtzuerhalten. Und das macht sie anscheinend aus lauter Spaß an der Freud. Land und Leute werden aus deutscher Distanz dargestellt, Tokyo gleicht einem Hexenkessel, aus dem es kein Entrinnen gibt. Der Kulturcrash fällt harmlos aus, die ironie eines „Lost in Translation“ ist hier nicht zu finden, Weppers Alleringang namens „Ein Münchner in Japan“ bleibt ohne Erkenntnisse für ihn oder den Zuschauer. Übrig bleibt ein Film der verschenkten Möglichkeiten, der zwar gute schauspielerische Leistungen und eine vielschichtige Grundidee zu bieten hat, dem aber jede Form von Seele fehlt. Emotionen bleiben oberflächlich, das Vorherschen von kunstvollem Kitsch sorgt im Endeffekt für das Scheitern des Films. Und man fragt sich, warum Frau Dörrie nicht einfach nach Amerika gehen konnte...

[srs]